Mentale Zeitreisen: Ein rein menschliches Phänomen

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Nummer 181 - Bochum, 22.12.2015

Mentale Zeitreisen: Ein rein menschliches Phänomen

Wer in die Zukunft blickt, muss die Vergangenheit kennen

Episodisches Gedächtnis ist nur eine Komponente bei mentalen Zeitreisen

Ist es alleine Menschen möglich, sich an persönlich Erlebtes zu erinnern und in mentalen Zeitreisen die Vergangenheit, aber auch die Zukunft durchzuspielen? Oder besitzen auch Tiere diese Fähigkeit? Bis zu einem gewissen Grad ja, meinen drei Wissenschaftler, die diese schon lange währende Diskussion mit einem neuen theoretischen Modell bereichern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der Zeitschrift „Neuroscience and Behavioral Reviews“.

Episodisches Gedächtnis ist eine Komponente von mentalen Zeitreisen

Das Modell der drei Wissenschaftler Prof. Markus Werning, Prof. Sen Cheng (beide Mercator Forschergruppe „Strukturen des Gedächtnisses“ der RUB) und Prof. Thomas Suddendorf (University of Queensland) unterscheidet sich von bisherigen Erklärungsansätzen vor allem in einem Punkt: Es setzt mentale Zeitreisen und das episodische Gedächtnis in ein neues Verhältnis zueinander. Dabei gehen die Forscher davon aus, dass mentale Zeitreisen sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzen. „Komponente eins sind Erinnerungsspuren aus dem episodischen Gedächtnis. Damit meinen wir ziemlich genaue Repräsentationen von persönlich erlebten Episoden, wobei jede Spur ein ganz bestimmtes Erlebnis repräsentiert, also sehr spezifisch ist“, erklärt Prof. Sen Cheng. Komponente zwei sei die Fähigkeit, mental Szenarien zu konstruieren, womit sie dynamische Repräsentationen von vergangenen oder erwarteten Situationen meinen, die nicht isoliert sind, sondern in größere Kontexte eingebunden und reflektiert werden können. Verlegt man zum Beispiel seinen Schlüssel, geht man in Gedanken Orte und Situationen ab, in denen man den Schlüssel noch hatte. Die vergangene Situation kann gedanklich aber mit anderen Erfahrungen und Informationen verknüpft werden, ein Szenario entsteht. Die Frage, ob und, wenn ja wie, die Konstruktion von mentalen Szenarien mit einer besonderen, „autonoetischen“ Form des Bewusstseins einhergeht, ist vor allem aus philosophischer Sicht interessant und wird von den Autoren anhand mehrerer Optionen ergebnisoffen diskutiert.

Keine eindeutigen Hinweise auf vorausschauendes Verhalten bei Tieren gefunden

Bei der Beantwortung der Frage, ob auch Tiere zu mentalen Zeitreisen fähig sind, setzten sich die Forscher mit bereits publizierten Experimentalstudien auseinander und adaptierten deren Ergebnisse auf ihr Modell. Das Fazit: „Einige Tiere scheinen in der Tat über ein episodisches Gedächtnis zu verfügen. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass sie, wie der Mensch, in der Lage wären, verschiedene Zukunftsszenarien zu konstruieren, zu reflektieren und miteinander zu vergleichen. Wir glauben daher nicht, dass Tiere mentale Zeitreisen machen können“, sagt Prof. Sen Cheng. So könne zum Beispiel die Fähigkeit von Eichhörnchen, bereits im Herbst Futtervorräte für den Winter anzulegen, nicht als vorausschauendes Handeln interpretiert werden, sondern als eine angeborene Verhaltensform. „Das Eichhörnchen würde auch dann Futter sammeln, wenn es sein Leben lang im Winter gefüttert worden wäre“, so Cheng.

Forschung über Fachgrenzen hinaus

Als Professoren der interdisziplinären Mercator Forschergruppe „Strukturen des Gedächtnisses“ der Ruhr-Universität Bochum haben Prof. Sen Cheng und Prof. Markus Werning bereits in der Vergangenheit gute Erfahrung damit gemacht, bei der Erforschung des Gedächtnisses über ihre jeweiligen Fächergrenzen hinweg zu schauen. Für ihre aktuelle Studie konnten sie mit Prof. Thomas Suddendorf außerdem einen der Vorreiter bei der Erforschung von mentalen Vorgängen bei Tieren für ihre Studie gewinnen. Die drei Wissenschaftler kennen sich gut, Thomas Suddendorf war bereits zwei Monate lang als Senior Scientist in der Mercator Forschergruppe und dort auch als Redner bei der ECE Sommerschule „Gedächtnis und Geist“ vertreten.

Über die Mercator Forschergruppen

In einem gemeinsamen Projekt mit der Stiftung Mercator hat die Ruhr-Universität Bochum zwei Mercator Forschergruppen (Mercator Research Groups; MRG 1 und 2) eingerichtet. In jeder Gruppe bilden drei bis vier junge Professor/innen ein unabhängiges Forschungsteam. Jede Gruppe wird von erfahrenen Forscher/innen (Senior Scientists) begleitet. Die Führung der MRG liegt ausschließlich in den Händen der Professor/innen.

Titelaufnahme

Cheng S, Werning M and Suddendorf T (2016). Dissociating Memory Traces and Scenario Construction in Mental Time Travel. Neurosci. Biobehav. Rev., 60:82-89. doi: 10.1016/j.neubiorev.2015.11.011

Redaktion

Raffalea Römer
Dezernat Hochschulkommunikation

Weitere Informationen

Prof. Dr. Sen Cheng, Fakultät für Psychologie und Mercator Research Group “Strukturen des Gedächtnisses”, Ruhr-Universität Bochum, Tel. 0234/32-27136
sen.cheng@rub.de

Prof. Dr. Markus Werning, Institut für Philosophie II und Mercator Research Group „Strukturen des Gedächtnisses“, Ruhr-Universität Bochum, Tel. 0234/32-24734
markus.werning@rub.de

 

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