„Ein winziger Schritt zu Orwellschen Missbrauchsszenarien“

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Nummer 300 - Bochum, 12.11.2013

„Ein winziger Schritt zu Orwellschen Missbrauchsszenarien“

RUBIN: IT-Sicherheitsexperte Christof Paar über den Abhörskandal

Verschlüsselungstechnik etablierte sich trotz anfänglichem Widerstand der Amerikaner

„Gentlemen do not read each other’s mail.“ Mit diesen Worten löste der ehemalige US-Außenminister Henry Stimson 1929 die NSA-Vorläuferorganisation „Black Chamber“ auf. Rund 80 Jahre später beherrschen Meldungen um den amerikanischen Geheimdienst die Medien. Wie starke Verschlüsselungstechniken trotz anfänglichem Widerstand der Amerikaner Einzug in den Alltag hielten und warum Informationen dennoch nicht sicher sind, beschreibt IT-Experte Prof. Dr.-Ing. Christof Paar in „RUBIN“, dem Wissenschaftsmagazin der Ruhr-Universität. Sein Fazit: „Es ist nur noch ein winziger Schritt zu Orwellschen Missbrauchsszenarien.“

Geheimdienste lesen mit – trotz starker Kryptoverfahren

Geheimdienste haben Zugriff auf erstaunlich viel Information, obwohl starke Verschlüsselungsverfahren für jedermann verfügbar sind. „Nur eine verschwindend geringe Zahl von Nutzern setzt sie ein“, sagt Christof Paar vom Horst Görtz Institut für IT-Sicherheit. Außerdem sei die beste Verschlüsselung zwecklos, wenn Daten auf Servern wie von Facebook oder Google unverschlüsselt liegen und Nachrichtendienste hierauf Zugang erhalten. „Für Kryptografen besonders erschreckend ist der Fakt, dass es die NSA zum Teil schafft, durch Manipulation der Internetprotokolle an für sich sehr sichere Verschlüsselungsverfahren auszuhebeln“, so der Bochumer IT-Experte weiter. „Man kann nur hoffen, dass durch die internationale Staatengemeinschaft genug Druck aufgebaut wird, um Klarheit über das Abhören zu erlangen und es einzudämmen.“

Gegen den Willen der Amerikaner: Akademiker entwickelten Chiffriermethoden

Dem Dechiffrieren verschlüsselter Information kam im Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle zu, und auch im anschließenden Kalten Krieg hielten die USA und England an ihren Nachrichtendiensten fest. Der Entwicklung neuer Chiffrierverfahren stand Amerika ablehnend gegenüber, jedoch ohne Erfolg: „Obwohl die NSA in den 1970er-Jahren noch versucht hatte, Kryptografieforschung zu unterdrücken, entwickelte sich gegen Ende der Dekade eine zunächst kleine, aber aktive akademische Gemeinde von Kryptografen“, weiß Christof Paar. Etwa 20 Jahre später standen der Allgemeinheit Verschlüsselungsverfahren zur Verfügung, die – bei korrektem Einsatz – als praktisch nicht zu brechen gelten. Das besorgte die Regierung unter Bill Clinton so sehr, dass sie versuchte, in allen kommerziellen Produkten nur noch den Verschlüsselungsalgorithmus „Clipper-Chip“ zu erlauben, den sie jederzeit durch eine Hintertür hätte umgehen können. Die Idee scheiterte am Protest der internationalen Staatengemeinschaft.

Ausführlicher Beitrag mit Bildern im Netz

Einen ausführlichen Beitrag von Prof. Paar zu dem Thema finden Sie online unter:
http://rubin.rub.de/de/herbst-2013/nsa-watching-you

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Redaktion

Dr. Julia Weiler
Dezernat Hochschulkommunikation

Weitere Informationen

Prof. Dr.-Ing. Christof Paar, Lehrstuhl Eingebettete Sicherheit, Horst Görtz Institut für IT-Sicherheit, Tel. 0234/32-22994
cpaar@crypto.rub.de

 

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