Vom Zettelkasten bis zu Copy & Paste

RUB » Pressestelle » Presseinformationen » Kategorie Allgemeines » Presseinformation 124
Nummer 124 - Bochum, 22.04.2013

Vom Zettelkasten bis zu Copy & Paste

Digitale Welt verändert gängige Arbeitstechniken

Germanistik-Ringvorlesung beleuchtet geschichtlichen Prozess

Wenn Studierende früher einen Text für ein Seminar durchgearbeitet haben, wurde fleißig unterstrichen. Am besten in vier verschiedenen Farben, mit Bleistift-Anmerkungen am Rand. Diese Zeiten sind vorbei: An die Stelle von Büchern treten heute zunehmend digitale Texte, die auf dem Tablet oder dem Laptop gelesen werden. Das Unterstreichen mit dem Neonmarker fällt damit weg – andere Arbeitstechniken müssen her. Die Ringvorlesung „Theorien medialer Gebrauchsformen: Die Arbeitstechniken der Literatur“ der Germanisten beschäftigt sich mit diesem historischem Wandel.

Bedeutsamkeit begreifen

Der Impuls für die Ringvorlesung stammt aus einem Gespräch zwischen Natalie Binczek, Lehrstuhl Neugermanistik III, und Peter Risthaus, Akademischer Rat auf Zeit. „Wir haben uns gefragt, wie man literaturtheoretische Fragen neu stellen kann“, erinnert sich Binczek. Nicht nur werde über den aktuellen Wandel der literarischen Arbeitstechniken in der Wissenschaft zu wenig nachgedacht, ihre Bedeutsamkeit für Theorie und Geschichte gelte es überhaupt erst zu begreifen. Denn: Weder die Literatur noch ihre Wissenschaft kann es ohne diese Techniken und ihre Medien geben. Die wissenschaftlichen Arbeitstechniken, die eine lange Tradition haben, befinden sich zudem momentan im Umbruch. Einerseits kennen Studierende bestimmte Arbeitstechniken gar nicht mehr, z.B. die Suche mit dem Zettelkasten. Das führt häufig dazu, dass sie wichtige Texte in der Bibliothek nicht finden. Andererseits arbeiten sie – durch die Verschiebung von Print hin zu Digital – anders als ihre Dozenten. In dieser Umbruchszeit beleuchtet die Ringvorlesung, die von Natalie Binczek und Peter Risthaus organisiert wird, den geschichtlichen Prozess der Arbeitstechniken und ihre Relevanz als literaturtheoretisches Problem.

Internationale Gäste

„Theorien medialer Gebrauchsformen: Die Arbeitstechniken der Literatur“ startet in diesem Sommersemester mit fünf Veranstaltungen. „Unsere Gäste sind Experten auf ihrem Gebiet“, sagt Binczek. Sie kommen aus aller Welt: Am 2. Juli ist mit Rembert Hüser zum Beispiel jemand dabei, der an einer amerikanischen Universität unterrichtet – und so international geht es auch in den folgenden Semestern weiter. Doch auch aus der eigenen Fakultät wird es Vorträge geben, zum Beispiel von Monika Schmitz-Emans (11. Juni), Lehrstuhl Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der RUB.

In diesem Sommersemester bilden das Zitieren und Exzerpieren (das Herauslösen von Zitaten oder Paraphrasen aus einem Text) einen der Schwerpunkte der Ringvorlesung. Wie übertrage ich Zitate aus Bibliothekszusammenhängen in eigene Zusammenhänge? Wie zitiere ich Textpassagen? Welche Probleme ergeben sich daraus? Um zu veranschaulichen, wie man aus verschiedenen Zitaten einen Text mit neuer Gestalt erzeugt, verwendet Gastredner Uwe Wirth in seinem Vortrag (30. April) den Begriff „Pfropfen“. Dieser stammt eigentlich aus der Pflanzenveredelung und bezeichnet den Vorgang, zwei verschiedene Pflanzen zu vereinen. Lesen und Querlesen ist ein weiterer Schwerpunkt. Risthaus: „Geisteswissenschaftler verfallen anfangs meist der Fiktion, dass jeder Text von Anfang bis Ende gelesen werden muss. Wissenschaftliches Lesen ist aber sehr selektiv.“

Plagiieren als kleiner Schwerpunkt

Der unrechtmäßige oder unwissende Gebrauch des Zitierens, das Plagiieren, ist immer wieder Bezugspunkt der Ringvorlesung. Im nächsten Wintersemester wird unter anderem der Autor Martin Doll, der jüngst sein Buch „Fälschung und Fake: Zur diskurskritischen Dimension des Täuschens“ veröffentlicht hat, zu Gast sein.
Die Ringvorlesung ist offen für alle Fakultäten. Wer sie über zwei Semester besucht, kann einen Teilnahmeschein erwerben. Dabei muss man nicht zwingend in zwei aufeinanderfolgenden Semestern teilnehmen und ist zeitlich flexibel. Auch Studierende anderer Universitäten sowie Bochumer Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen. Die Ringvorlesung wird einen kultur- und medientheoretischen Blick auf Fragen der gängigen Arbeitstechniken werfen – „im Kern wird es aber eine verständliche Vorlesung bleiben“, verspricht Peter Risthaus.

Programm der Ringvorlesung

  • 30.4.: Uwe Wirth (Justus Liebig-Universität Gießen): Copy and Paste: Pfropfen, Zitieren, Collagieren.
  • 14.5.: Davide Giuriato (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M./TU Dortmund): Annotieren und Exzerpieren. Zwei unterschiedliche Lesetechniken?
  • 4.6.: Markus Krajewski (Bauhaus-Universität Weimar): Produktives Verzetteln. Wissenschaftliches Schreiben mit Literaturdatenbanken.
  • 11.6.: Monika Schmitz-Emans (Ruhr-Universität Bochum): Wissenschaftliche und poetische Zettelwirtschaft: Exzerpieren als Arbeitstechnik und als literarisches Thema.
  • 2.7.: Rembert Hüser (University of Minnesota, Minneapolis): Querlesen. Kafka unterwegs.

Die Vorlesungen finden jeweils von 16 bis 18 Uhr in HGB 40 statt.

Redaktion

Dr. Maren Volkmann
Pressestelle RUB

Weitere Informationen

Dr. Peter Risthaus, Tel. 0234/32-28569
peter.risthaus@rub.de