Nachgelagert, solidarisch und gerecht

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Nummer 417 - Bochum, 11.12.2012

Nachgelagert, solidarisch und gerecht

Neue Wege zur Universitätsfinanzierung

RUB-Ökonom stellt Konzept im NRW-Landtag vor

Nachgelagert, solidarisch und gerecht: Das sind die Eckpfeiler eines neuen Konzepts zur Universitätsfinanzierung, das der Bochumer Ökonom Prof. Dr. Stefan Winter am 10.12. im Düsseldorfer Landtag auf einer Fachtagung der CDU-Fraktion vorgestellt hat. „UniSol 35 plus“ ist eine universitäre Solidarabgabe, die erst nach dem Studium erhoben wird – und zwar nur von denjenigen Absolventen, deren Einkommen 35.000 Euro brutto überschreitet. Mit einer Laufzeit von 40 Jahren beträgt die monatliche Abgabe 0,1 Prozent des Jahresgehalts, was im Durchschnitt aller Absolventen etwas mehr als 40 € pro Monat entspricht. Prof. Winter ist Inhaber des Lehrstuhls für Human Resource Management an der RUB. In Zeiten chronischer Universitäts-Unterfinanzierung macht er sich für nachgelagerte Studiengebühren nach erfolgreichem Berufsstart stark.

Einkommensvorteil der Akademiker

Akademiker verdienen im Durchschnitt 65.000 € pro Jahr, Nichtakademiker knapp 37.000 €. Der Lebenseinkommensvorteil von Akademikern im Vergleich zu Nichtakademikern beträgt daher etwa 1.000.000 € (Vollzeitbeschäftigte, brutto). Dieser Einkommensvorteil ist in der Vergangenheit stets größer geworden und wird weiter zunehmen. Auch nach Abzug der im Konzept „UniSol 35 plus“ vorgesehenen Abgabenzahlung verbliebe z.B. dem durchschnittlichen Diplomkaufmann oder Diplomingenieur immer noch ein Einkommensvorteil von ca. 760.000 Euro. Am größten ist die Diskrepanz bei Ärzten, den nach wie vor bestverdienenden Akademikern. Selbst nach Abgabenzahlung würde ihr Einkommensvorteil noch knapp 1,4 Mio. Euro betragen verglichen mit dem durchschnittlichen Nichtakademiker. Neu an dem Konzept „UniSol 35 Plus“ gegenüber bisherigen Modellen nachgelagerter Studiengebühren ist, dass es eine echte Solidarabgabe umfasst. Die absoluten Top-Verdiener bezahlen demnach in ihrem Leben mehr, als ihr Studium gekostet hat. Sie bezahlen damit für ihre weniger erfolgreichen Kommilitonen und Kommilitoninnen mit.

Dauerhafte solide Basis

Für die Hochschulen in NRW sieht die Modellrechnung von Prof. Winter so aus: Im Wintersemester 2011/12 gab es 590.000 Studierende im Land. Wenn sie nach ihrem Studium im Schnitt 42 Euro pro Monat für 40 Jahre zahlen würden, stünde den Hochschulen ein Finanzierungsvolumen von 2,36 Milliarden Euro im Jahr zur Verfügung. Mit mehreren positiven Effekten: etwa 40.000 neue Beschäftigte könnte das Land damit finanzieren, der Numerus Clausus in den „Massenfächern“ könne abgeschafft werden, die Landeshaushalte würden durch UniSol 35 plus nicht belastet. Die Universitäten bräuchten zur Vorfinanzierung lediglich Landesbürgschaften, aber keine Landesmittel. „Damit ließe sich die Ausbildung an deutschen Universitäten drastisch verbessern und sofort und dauerhaft auf eine solide Basis stellen“, so Prof. Winter.

Erstmals Einkommensdaten berücksichtigt

„Studiengebühren werden in Deutschland vor allem mit dem Argument abgelehnt, sie seien sozial ungerecht. Das kann gegen UniSol 35 plus nicht eingewendet werden, denn wer wenig verdient, zahlt auch nichts“, so Prof. Winter. „Die Einkommensdaten zeigen aber tatsächlich das Gegenteil: Man kann den Bestverdienenden die durchschnittlich 42 Euro pro Monat nicht nur zumuten, aus sozialen Gründen sollte man das! Denn selbst danach bleibt immer noch eine Million mehr im Leben übrig.“ Die Verbesserung der Lehrsituation an Universitäten durch zusätzliche Steuergelder lehnt Winter ab: „Sollte Deutschland in nächster Zeit in den Genuss höherer Steuern kommen oder neue Steuern einführen, so sollten diese Gelder in Kindergärten und Schulen fließen. Es gibt keinen Grund, Studienplätze grundsätzlich zu verschenken und gleichzeitig Geld für den Besuch von Kindergärten zu verlangen. Das ist keine Bildungs- oder Sozialpolitik, das ist eine Politik der sozialen Ausgrenzung.“ Winter weiter: „Die deutsche Debatte ist in der Vergangenheit fast ausschließlich ohne Berücksichtigung von Einkommensdaten geführt worden. Bildungs- und Sozialpolitik zu betreiben, ohne sich mit Einkommensdaten zu befassen, ist schlicht absurd.“

Buch: Die Studiengebührenlüge

Bereits im Oktober veröffentlichte Prof. Winter zusammen mit Alexander Pfitzner das viel beachtete Buch „Die Studiengebührenlüge – Wie die Republik Bildung vernichtet und die Armen abzockt“ (Europäischer Universitätsverlag, Bochum). In ihrem Buch, das an Deutlichkeit nichts vermissen lässt, nehmen die Autoren Argumente und Scheinargumente der Debatte auseinander und plädieren für nachgelagerte Studiengebühren nach australischem Modell – die Bezahlung des Studiums erst nach erfolgreichem Berufsstart, s. RUB-Presseinformation Nr. 349 vom 19.10.2012:

http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/pm2012/pm00349.html.de

Redaktion

Jens Wylkop
Pressestelle RUB

Weitere Informationen

Prof. Dr. Stefan Winter, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Wirtschaftswissenschaft, Human Ressource Management, Tel. 0234/32-28337
stefan.winter@rub.de

 

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