Von teuren Kreuzzügen und stabilen Brücken

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Nummer 392 - Bochum, 16.11.2012

Von teuren Kreuzzügen und stabilen Brücken

Esser-Stipendien an RUB-Nachwuchsforscher verliehen

Gesellschaft der Freunde der RUB unterstützt Doktorarbeiten

Sie erforschen die Kreuzzugsteilnahmen der Grafen von Berg, die Rolle der Frauen im ukrainischen Untergrund, das Phänomen „Comicfilm“, die Stabilität von großen Brücken und Galaxien mit geringer Helligkeit: Über Stipendien in Höhe von insgesamt 15.000 Euro freuen sich drei Doktorandinnen und zwei Doktoranden der Ruhr-Universität. Sie erhalten eine Unterstützung von 750 Euro monatlich, um ihre fortgeschrittenen Dissertationen abzuschließen – die Förderdauer liegt zwischen drei und sechs Monaten. Die Promotionsabschluss-Stipendien der Wilhelm und Günter Esser-Stiftung wurden am 14. November von der Gesellschaft der Freunde der RUB (GdF) verliehen.

16 Anträge hat die Auswahlkommission gesichtet und diskutiert, fünf Preisträger hat sie ausgewählt. „Ich mache das unheimlich gerne“, sagte Prof. Dr. Ulf Eysel bei der Preisverleihung mit Blick auf die vielfältigen und vielversprechenden Themen der Arbeiten. Eysel ist Prorektor für Forschung der RUB und Vorsitzender der Auswahlkommission. Die Esser-Stipendien hätten einen „ausgesprochen hohen Wirkungsgrad“, damit Nachwuchswissenschaftler ohne finanzielle Sorgen ihre Doktorarbeiten fertigstellen können, so Prof. Eysel.

Die geförderten Forschungsprojekte im Überblick:

Alexander Berner (Geschichtswissenschaft): Der Historiker erforscht „Die Kreuzzugsteilnahmen der Grafen von Berg 1147 - 1218 aus regionalgeschichtlicher Perspektive“. Es geht um die bewaffneten Pilgerfahrten nach Palästina, Okzitanien und Ägypten. Rechtsrheinisch zwischen Ruhr und Sieg besaßen die Grafen von Berg umfangreiche Güter und Rechte. In seiner personenbezogenen Forschung wählt Berner einen neuen Ansatz: Er beleuchtet weniger die Geschehnisse während der Kreuzzüge, sondern vielmehr die Vorbereitungen und die Bedeutung der Kreuzzugsteilnahmen für die heimische Region. So zeigt der Forscher in seiner Arbeit beispielsweise, wie sich die Grafenfamilie durch Schenkungen an die Kirche „spirituelle Sicherheit“ für die Kreuzzüge verschaffte und wie sie durch den Verkauf von Gütern die Kreuzzüge finanziert hat. „Die Kreuzzüge waren besonders teuer und trieben manchen in den finanziellen Ruin“, so Alexander Berner.

Olena Petrenko (Geschichtswissenschaft): Petrenko ergründet die Rolle der Frauen im bewaffneten ukrainischen Untergrund der 1930er bis 1950er Jahre. Durch eine massive Mobilisierung angeworben, befand sich eine große Anzahl an Frauen in der Ukraine in einer Art „Doppelwiderstand“: zuerst gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg und dann gegen die UdSSR. Die Historikerin zeigt in ihrer Arbeit die biografische Vielschichtigkeit der Schicksale. Dazu hat sie Archive durchforstet und zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt, u. a. in Kiew, in der Westukraine, in Warschau und Kanada.

Véronique Sina (Philologie, Medienwissenschaft): „Comic – Film – Gender“ – unter diesem Titel untersucht die Forscherin die Kunstform und Künstlichkeit des „Comicfilms“ und der Geschlechterrollen darin. Nicht zu verwechseln mit einer Comicverfilmung wie Batman oder Avengers ist der Comicfilm ein Hybrid aus den beiden Medien Comic und Film: Der Comic dient als Storyboard für den Film, der Film wird dem Comic angeglichen. Am Beispiel von „Sin City“ und „Immortel“ erforscht Véronique Sina die Inszenierung und Konstruktion von Gender. Sie kommt u. a. zu dem Ergebnis, dass der Comicfilm seine eigene Künstlichkeit deutlich in den Mittelpunkt stellt und dass dabei künstliche Geschlechterrollen demonstrativ zur Schau gestellt werden.

Anina Šarkić (Bau- und Umweltingenieurwissenschaften): Große Brücken sind einer besonderen Gefahr ausgesetzt – dem Wind bzw. den Windturbulenzen. Die Kräfte, die dabei auf die Konstruktion wirken, können sich derart aufschaukeln, dass Brücken einstürzen. Wie sich eine Brücke bei Sturm verhält, lässt sich im Windkanal simulieren – oder wie im Fall von Anina Šarkić mit numerischer Simulation berechnen. Die Ingenieurin hat eine computergestützte Modellierung entwickelt, mit der sich das Ergebnis der Windkanalsimulation zuverlässig vorhersagen lässt. Das Ziel ihrer Arbeit ist jedoch nicht, die Experimente im Windkanal überflüssig zu machen, sondern sie sinnvoll zu ergänzen und die erzielten Ergebnisse dadurch abzusichern.

Philip Günster (Physik und Astronomie): Es gibt sie zuhauf in unserem Universum, mit bloßem Auge sind sie nicht zu erkennen, aber für die Materiedichte und -entstehung spielen sie eine bedeutende Rolle – Galaxien, die sich durch eine geringe Helligkeit bezogen auf ihre Fläche auszeichnen. Diese Low Surface Brightness Galaxies – LSBG – untersucht Philip Günster in seiner Arbeit. Insbesondere versucht er zu klären, warum diese Galaxien nicht genug Sterne gebildet haben, um eine vergleichbare Flächenhelligkeit wie „normale“ Galaxien aufzuweisen. Die Ergebnisse der Arbeit erlauben weitere Rückschlüsse auch auf die Entstehung unserer Milchstraße: wie und wo entstehen neue Sterne, wie ist Materie aufgebaut? Die Erforschung von LSB-Galaxien hat am Astronomischen Institut der RUB bereits eine langjährige Tradition.

Redaktion

Jens Wylkop
Pressestelle RUB

Esser-Stipendien

Die Preisträger der Wilhelm und Günter Esser-Stiftung (v.l.): Philip Günster, Anina Šarkić, Véronique Sina, Olena Petrenko, Alexander Berner

© RUB-Pressestelle, Marion Nelle
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Stipendienvergabe

Die fünf Stipandiatinnen und Stipendiaten der Esser-Stiftung mit Birgit Fischer, Vorsitzende der GdF (links), und Prof. Ulf Eysel, Prorektor für Forschung der RUB (rechts)

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