Piraten an der Grenze

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Nummer 214 - Bochum, 05.07.2011

Piraten an der Grenze

RUB-Publikation: „Fluch der Karibik“ aus kulturwissenschaftlicher Perspektive

Gesellschaftskritik, Vermarktungsstrategie und wie Piraten Normen brechen

Sie waren erst auf der Leinwand zu finden, dann im Buchladen, in der Modewelt und in der Werbung – nach den erfolgreichen „Fluch der Karibik“-Filmen entwickelten sich Piraten zu postmodernen Stilikonen. Heike Steinhoff (Englisches Seminar der RUB) beschreibt aus kulturwissenschaftlicher und spezifisch amerikanistischer Perspektive, wie Piraten und Piraterie in den ersten drei Filmen der Serie genutzt werden, um gesellschaftliche Grenzen zu ziehen oder aufzubrechen. „Die weltweite Beliebtheit der Filme hat zeitweise zu einer regelrechten Piraten-Manie geführt“, so die Autorin. „Aber die akademische Auseinandersetzung blieb weitestgehend aus, obwohl die Filme kulturelle Bedeutungsträger sind und somit identitätsstiftenden Charakter haben.“ Die Studie ist unter dem Titel „Queer Buccaneers – (De)Constructing Boundaries in the Pirates of the Caribbean Film Series“ im Lit Verlag erschienen.

Mythos Pirat

„Queer Buccaneers“ beschäftigt sich mit der Repräsentation von Geschlechterrollen, Ethnizität und Klassendifferenzen in „Fluch der Karibik“, sowie mit der Funktion von Monstrosität und Schauerelementen. Auch amerikanische Mythen und Werte analysiert die Autorin: „Die Filmserie verleiht den Piraten den Status typischer mythologischer Helden in der Tradition amerikanischer Cowboys und Outlaws. Allerdings nimmt dieses Bild eine prekäre Wende, wenn man die Ähnlichkeit von Pirat und Terrorist in Betracht zieht.“ Steinhoffs Buch erläutert ausführlich die Funktionen des Piraten in der zeitgenössischen (Pop)Kultur und stellt sowohl das politisch „reaktionäre“ als auch das „revolutionäre“ Potential des Hollywood-Blockbusters heraus.

Gegensätze in der Gesellschaft

„Die Filmserie bedient sich kultureller Kategorien, die in unserer Gesellschaft oft mit Gegensätzen verknüpft sind, die Hierarchien herstellen, wie etwa männlich – weiblich, weiß – nicht weiß oder homosexuell – heterosexuell“, erklärt Steinhoff. So stellt Johnny Depp zwar Captain Jack Sparrow als männlichen Piraten dar. Dieser erweckt durch seine Gestik und Mimik jedoch auch einen femininen und stereotyp homosexuellen Eindruck. Eine andere Hauptfigur, Will Turner, wird zunächst als männlicher weißer Held eingeführt, der der Genre-Konvention und den Geschlechternormen entsprechend die weibliche Protagonistin Elizabeth rettet. Die klassische Grenze zwischen maskulin und feminin wird im Verlauf der Serie jedoch immer wieder unterlaufen, indem die Frau im Zuge ihrer Verwandlung in eine Piratin zunehmend zur Action-Heldin wird. „Die Piraterie ist also ein Element, das es ermöglicht, kulturelle Grenzen sowohl zu konstruieren als auch zu dekonstruieren“, resümiert die Autorin.

Gesellschaftskritik geschickt vermarkten

In ihrem Werk geht Steinhoff davon aus, dass die Darstellung von Piraten zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt und in einem bestimmten kulturellen Kontext etwas über diese Zeit, Gesellschaft und Machtverhältnisse aussagt. „Gerade der dritte Film hat globalisierungs- und kapitalismuskritische Momente, die man auch als Kritik an der globalen Machtposition der USA lesen kann“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Die vielen Gegensätze öffnen die Filmserie jedoch für unterschiedliche Interpretationen und Zuschauer.“ So verknüpft die „Fluch der Karibik“-Serie auf geschickte Weise die Gesellschaftskritik mit einer machtvollen Vermarktungsstrategie.

Titelaufnahme

Heike Steinhoff: Queer Buccaneers – (De)Constructing Boundaries in the PIRATES OF THE CARIBBEAN Film Series. Reihe: Transnational and Transatlantic American Studies, Band 10. Lit Verlag, 2011. ISBN 978-3-643-11100-5

Redaktion

Dr. Julia Weiler
Pressestelle RUB

Weitere Informationen

Heike Steinhoff, Englisches Seminar der Ruhr-Universität Bochum, Tel. 0234/32-25058
Heike.Steinhoff@rub.de

 

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