Auf Augenhöhe mit Familie Aksoy

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Nummer 151 - Bochum, 16.05.2011

Auf Augenhöhe mit Familie Aksoy

Eltern einbeziehen mit kooperativen Kommunikationsformen

Mülheimer Kindertagesstätte erfolgreich mit „Early Excellence Concept“

„Tue Gutes und rede darüber“ – im Fall einer Mülheimer Kindertagesstätte sprachen schon allein die Daten für sich: Aufgefallen waren sie einem Team um Prof. Dr. Klaus Peter Strohmeier (Soziologie, Stadt und Region, Familie), das Schuleingangsuntersuchungen und Erhebungen in Kindertagesstätten als wichtige Quellen sozialwissenschaftlicher Forschung nutzt. Bei einem mehrjährigen Kindergartenscreening mit rund 4000 Kindern zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren konnten 21 Kinder in einem „sozial schwachen“ Stadtteil das erwartete Bildungsprofil deutlich überbieten. Beim näheren Hinschauen zeigte sich, dass viele dieser Kinder dieselbe Kindertagesstätte besucht hatten. Was zunächst nur eine spannende Entdeckung war, stellt sich nun als erfolgreiche Umsetzung eines neuen pädagogischen Konzepts heraus. Herausgefunden hat das die Sozialwissenschaftlerin Havva Avci-Plüm in ihrer Masterarbeit und bringt es gleich mit dem Titel auf den Punkt: „Erfolgreiche Bildung durch erfolgreiche Elternarbeit“.

Wunsch nach Bildung, doch kaum Kenntnis des Systems

Mit einer Einzelfallanalyse über ein kleines Mädchen namens Leyla Aksoy fand Avci-Plüm heraus, warum sich gerade in dieser Mülheimer KiTa im statistischen Bezirk „Altstadt II Nordost“ das Sprachverständnis der Kinder gen hundert Prozent beläuft (bei vergleichbaren Einrichtungen des Stadtbezirks liegt es bei 50 Prozent), obwohl der Anteil nichtdeutscher Kinder hier rund 65 Prozent beträgt. Leyla ist ein solches Kind, das trotz Migrationshintergrund und bildungsferner sozialer Herkunft durch positive sprachliche und allgemeine Entwicklung auffiel. Die Bochumer Sozialwissenschaftlerin führte sog. leitfadengestützte narrative Gespräche mit der Erzieherin und den Eltern, wobei ihr die eigene türkische Sprachfähigkeit sehr zugute kam. „Ein Riesenerfolg war auch“, so Avci-Plüm, „dass ich von den Eltern das Einverständnis bekommen habe, sie zu Hause auf Türkisch zu interviewen“. Dabei stellte sich zum Beispiel heraus, dass beide Eltern sehr auf Leylas Fähigkeiten vertrauen. „Ich möchte, dass sie Ärztin wird, denn sie ist begabt“, sagt der Vater. Doch Kenntnisse über das deutsche Bildungssystem haben sie kaum. Hinsichtlich zusätzlicher eigener Fördermaßnahmen verhalten sich die Eltern passiv; sie vertrauen voll und ganz der KiTa und hinterfragen keine pädagogischen Konzepte.

Auf Stärken und nicht auf Defizite schauen

Das „Early Excellence Concept“ beruht auf einem neuen pädagogischen Ansatz: Im Fokus stehen die Stärken und Kompetenzen der Kinder und die Eltern werden als Experten ihres Kindes betrachtet. Es geht darum, Elternarbeit auf Augenhöhe zu entwickeln. Ein Beispiel ist das Elterngespräch. Bevor es stattfindet, wird das Kind eine ganze Woche lang von allen Erzieherinnen an verschiedenen Standorten beobachtet. Die Ergebnisse werden in einem Buch auch fotografisch dokumentiert. Dabei interessiert, was das Kind kann, wo seine Stärken liegen und nicht, welche Defizite es möglicherweise hat. So auch im Elterngespräch, dem das Buch zugrunde liegt und das die Eltern mit nach Hause nehmen können. Die Erzieherin ist überzeugt davon, dass dieses individuelle Angebot viel bewirkt hat: „Man hat eine andere Ebene erreicht mit den Eltern. … Die nehmen unsere Arbeit sehr wichtig … wenn sie eingeladen sind, geben sie alles, dass sie kommen können“. Das Elterngespräch war zum Beispiel Auslöser dafür, dass Leyla vom „Halbtagskind“ zum „Ganztagskind“ wurde. Eltern und Erzieherin sahen dies als einen Schritt an, die Deutschkenntnisse des Mädchens zu verbessern. Weitere Bestandteile des Konzepts sind etwa kleine Gruppen (von 25 auf 11 Kinder), ein spezielles Raumkonzept (von Gruppen-Räumen zu Themenräumen für alle Kinder) – die Gruppen treffen sich nur zweimal am Tag zu festen Zeiten, und bei der Spracherziehung wird möglichst die jeweilige Interessenlage des Kindes berücksichtigt.

Redaktion

Dr. Barbara Kruse
Pressestelle RUB

Weitere Informationen

Havva Avci-Plüm, Tel.: 0234/32-28706
havva.avci@gmail.com

Prof. Dr. Klaus Peter Strohmeier, Tel.: 0234/32-23706, -28409, Lehrstuhl für Soziologie/Stadt und Region, Familie, Fakultät für Sozialwissenschaften der RUB
Peter.Strohmeier@rub.de

 

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