„Nicht vom Himmel gefallen“

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Nummer 58 - Bochum, 01.03.2011

„Nicht vom Himmel gefallen“

Wie jüdische Gelehrte das Christentum entdeckten

RUB-Publikation zur „Wissenschaft des Judentums“

Mit der Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert entsteht die so genannte Wissenschaft des Judentums: Wie jüdische Gelehrte sie entwickelten – und dabei christliche Elemente integrierten bzw. zurückwiesen –, verdeutlicht der Sammelband „Die Entdeckung des Christentums in der Wissenschaft des Judentums“, den Dr. Görge Hasselhoff (Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der RUB (CERES)) herausgegeben hat. „Moderne Ausformungen von Religionen fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen vielmehr durch die Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen religiösen Traditionen“, so der Herausgeber Dr. Hasselhoff. „Wir wollten wissen, was die Auseinandersetzung mit christlichen Traditionen für das Judentum bedeutet hat.“ In 13 Beiträgen beschreiben die Autoren den Stellenwert des Christentums in Texten jüdischer Historiker, Theologen und Philosophen. Der Sammelband geht zurück auf eine Tagung des Käte Hamburger Kollegs „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa“ in Bochum.

Doppelter Nutzen des Christentums

Im Dezember 2008 diskutierten Religionswissenschaftler auf einer Tagung an der RUB die Theorie, dass die Auseinandersetzung jüdischer Wissenschaftler mit dem Christentum nicht nur historischen Wert hatte, sondern sich auch auf das jüdische Religionssystem auswirkte. „Das Judentum hat im 19. Jh. mehrere Wandlungen erfahren, an dieser Stelle setzt unser Sammelband ein“, erklärt Dr. Hasselhoff. Während manche jüdischen Autoren die eigene religiöse Position anhand des Christentums abgrenzten, wird in anderen Texten deutlich, dass Aspekte des Christentums in das jüdische Denken übernommen wurden.

Zweigeteilt: Geschichte und Religionsphilosophie

Die Wissenschaft des Judentums beschäftigte sich hauptsächlich mit Geschichte, Literatur, Philosophie, Rechtswesen, Religion und Alltagskulturen des Judentums, aber auch Christentum und Islam wurden mit einbezogen. Der erste Teil von Dr. Hasselhoffs Sammelband ist der Frage gewidmet, warum und auf welche Weise die jüdischen Wissenschaftler das Christentum untersuchten. Anhand des Lebens von Leopold Zunz, der als Begründer der Wissenschaft des Judentums gilt, wird etwa beschrieben, wie der Unterricht in christlichen Einrichtungen und bei christlichen Lehrern Einfluss auf die Methodik der Wissenschaft des Judentums nahm. Im zweiten Teil besprechen die Autoren Schriften jüdischer Theologen und Philosophen, die deutlich machen, wie christliche Aspekte dazu beitrugen, die jüdische Identität zu formen, darunter Schriften, die bis heute gültige Deutungen der jüdischen Religion enthalten wie die des Altonaer Arztes und Aufklärers Salomon Ludwig Steinheim oder des Begründers des Marburger Neukantianismus Hermann Cohen.

Titelaufnahme

Görge K. Hasselhoff (Hg.): Die Entdeckung des Christentums in der Wissenschaft des Judentums. Studia Judaica. Forschungen zur Wissenschaft des Judentums, Band 54. de Gruyter, Berlin/New York 2010. ISBN 978-3-11-024628-5

Redaktion

Julia Weiler
Pressestelle RUB

Weitere Informationen

Dr. Görge Hasselhoff, Käte Hamburger Kolleg "Dynamiken der Religionsgeschichte", Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der RUB (CERES), Tel. 0234/32-28973
goerge.hasselhoff@rub.de