Wilder Westen Jerusalem

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Nummer 161 - Bochum, 25.05.2010

Wilder Westen Jerusalem

Testamente geben Aufschluss über Motivation mittelalterlicher Pilger

RUBIN: Was die Kreuzfahrer erwarteten

Die Reise nach Jerusalem war im 11. und 12. Jahrhundert eine langwierige und gefährliche Unternehmung. Die Schiffspassage über das Mittelmeer dauerte viele Wochen, möglich war sie nur von Frühjahr bis Herbst. Trotzdem machten sich viele auf diesen Weg ins Gelobte Land. Was trieb sie an? Was erwarteten sie dort vorzufinden? Testamente von Kreuzfahrern und Pilgern geben Antworten. Prof. Dr. Nikolas Jaspert, Direktor des Zentrums für Mittelmeerstudien der Ruhr-Universität, liest zwischen den Zeilen. Darüber berichtet RUBIN, das Wissenschaftsmagazin der RUB, in seiner aktuellen Ausgabe.

Reisende wollen Ablass erwirken

Fündig wird Prof. Jaspert vor allem in den Archiven Kataloniens, da dort eine auf römischer Tradition fußende starke Schriftkultur vorherrschte. Hier liegen teils unerforschte Testamente, die Pilger aufsetzen ließen, für den Fall, dass sie von der gefährlichen Reise nicht zurückkehren würden. „Die soziale Bandbreite der Pilger war recht groß“, sagt Jaspert. Hinweise auf die Person des potentiellen Erblassers geben zu vererbende Gegenstände. Geht es um eine Truhe mit Schuhen, könnte es sich um einen Schuster handeln, Bücher deuten auf höhere Bildung hin. Altersangaben gibt es meist nicht. Viele nennen jedoch ihre Gründe für den Aufbruch ins Gelobte Land: „Weil es aufgrund unserer Beschaffenheit keinem Menschen möglich ist, den Tod zu vermeiden, gehe ich, Albert Ponç, um das Heilige Grab zu Jerusalem zur Vergebung meiner Sünden zu besuchen und anzubeten“, schrieb am 20. Juni 1130 zum Beispiel ein vermögender Barceloneser Hausbesitzer. Der Ablass war für die meisten der Hauptgrund für die Reise. Auch eine starke Christusverehrung zu dieser Zeit spielte eine Rolle. „Vielleicht liegt das am starken Wachstum der Städte und des Reichtums zu dieser Zeit“, mutmaßt Prof. Jaspert. „Das bedingte durchaus auch ein schlechtes Gewissen – immerhin heißt es ‚Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in den Himmel kommt‘. Dadurch tritt der ‚arme Christus‘ in den Mittelpunkt des Interesses.“

Auch Eroberer bezeichnen sich als Pilger

Da es bis zum Ende des 12. Jahrhunderts für „Pilger“ und „Kreuzfahrer“ nur einen einzigen Begriff gab, sind die genauen Absichten der Reisenden ungewiss. Auch Kreuzfahrer mit dem Willen zur Eroberung bezeichneten sich oft selbst als Pilger. Was die Reisenden in Jerusalem erwarteten, entsprach wahrscheinlich nicht unbedingt der Realität. Die Vorstellung, die die Menschen im mittelalterlichen Europa von Jerusalem hatten, speiste sich aus drei Quellen: Biblische Beschreibungen des Gelobten Landes gingen Hand in Hand mit Ableitungen der Offenbarung des Johannes und Berichten von Zeitgenossen über die echte Stadt Jerusalem und führten zu wenig realistischen Ideen über die örtlichen Gegebenheiten, zum Beispiel von einer kreisrunden Stadt mit zwölf Toren.

Freiheiten und Gefahren

Ob die Pilger aus Jerusalem zurückkehrten, bleibt in aller Regel im Dunkeln. „Vielleicht sind einige Pilger zurückgekommen und haben noch zwanzig Jahre lang gelebt. Andere sind wahrscheinlich auf der Reise umgekommen. Manche werden in Jerusalem geblieben sein“, vermutet Jaspert. Immerhin fanden die Reisenden im 12. Jahrhundert eine Stadt vor, in der die Christen Herrscher und in der Siedler willkommen waren. Die Freiheiten waren, auch für Frauen, größer als im Heimatland; sicher natürlich auch die Gefahren. „In vielem dürften diese Siedlungen des Kreuzfahrerkönigreichs Jerusalem den Grenzposten des ‚Wilden Westens’ geähnelt haben“, meint Prof. Jaspert.

Themen in RUBIN

Schwerpunkt Energie: Editorial – Energien des 21. Jahrhunderts (Prof. Dr.-Ing. H.-J. Wagner), Intelligente Membranen sollen Strom aus Kohlekraftwerken sauberer machen, Verbundprojekt „change“ zum Energienutzungsverhalten im Öffentlichen Dienst, Osmosekraftwerke: Potentialanalyse für eine Zukunftstechnologie, Integration von Elektrofahrzeugen in dezentrale Energieversorgungssysteme, Biobrennstoffzellen in Millimetergröße als Antrieb für Miniaturmaschinen im Körper, Wie sicher unsere Energieversorgung ist – ein Gespräch mit dem Wirtschaftsweisen Prof. Christoph M. Schmidt, weitere Themen: Sportspielspezifische Leistungsdiagnostik im Fußball und Tennis, Testamente geben Aufschluss über die Motivation mittelalterlicher Pilger, Nervenschmerzen: neue Diagnostik ermöglicht mechanismenbasierte Therapie, Alterssicherung: Gesetzeslücke trifft Alleinerziehende

Redaktion

Meike Drießen
Pressestelle RUB

Weitere Informationen

Prof. Dr. Nikolas Jaspert, Geschichte des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung des Späten Mittelalters, Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB, Tel.: 0234/32-22535
nikolas.jaspert@ruhr-uni-bochum.de

 

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