Wenn die Postfrau niemals klopft

Wenn die Postfrau niemals klopft

06.06.2016
© RUB, Marquard
Und ab in den RUB-Transporter: Bernd Meyer und Katharina Gregor laden die gesamte Post aus der Bochumer Postzentrale ein.

Wer sorgt eigentlich dafür, dass die Post auf dem Campus verteilt wird? Um das herauszufinden, ist Volontärin Katharina Gregor ausnahmsweise früh aufgestanden – sehr früh.

Zweimal am Tag

6 Uhr: „Ist das nicht Ihre Zeit?“, fragt Bernd Meyer lächelnd. Seine Frage ist rhetorisch gemeint. Ich schüttele trotzdem müde den Kopf.

Wir stehen in der Poststelle der RUB. Im ganzen Raum sind leere Postkisten verteilt. Viele sind in einem grauen Regal einsortiert und mit Gebäudekürzeln beschriftet: NA, IB, GA und so weiter. Noch ist es sehr ruhig hier.
Unterwegs mit dem Postfahrer

Meyer ist Postfahrer der RUB. Seit 2008 holt er die Briefe, Pakete und Einschreiben für die Uni von der Postfiliale in der Innenstadt ab. Zweimal am Tag. Zwischendurch bringt er die Post zu den einzelnen Außenstellen der Uni. Wir gehen zum orange beleuchteten Parkhaus nebenan. Meyer schließt einen weißen RUB-Transporter auf; ich klettere auf den Beifahrersitz.

Kiste für Kiste

6.15 Uhr: In der Postfiliale am Hauptbahnhof laufen für die Uhrzeit erstaunlich viele Leute herum. Überall stehen Rollhürden. Das sind Transportwagen mit zwei Gitterwänden. Wir leeren die Postfächer der RUB und gehen zum Eingang zurück. Eine Postmitarbeiterin schiebt Bernd Meyer eine gepackte Rollhürde zu. 14 gelbe Kisten stehen darauf. Eine Kiste fasst etwa 400 normale Briefe.

Wie viel Post er pro Tag transportiert, weiß Meyer nicht genau. Heute sei es eher wenig, sagt er. Normalerweise muss er zwei bis drei Rollhürden zu seinem Wagen bringen.

Kiste für Kiste landet im Transporter. Ich packe mit an. Was da wohl alles für Post dabei ist? In einer Kiste leuchtet mir etwas Buntes entgegen. Eine Postkarte aus Wien. Wer die wohl bekommt? Mal schauen, ob ich den Empfänger heute noch kennenlerne. Die leere Rollhürde schieben wir zurück in die Postfiliale. Es geht zurück zum Campus.

6.43 Uhr: Vier Kollegen von der Poststelle warten am Geländer zur Ladefläche auf uns. Frachtraum auf, Kisten raus. Jeder Mitarbeiter schnappt sich eine gelbe Kiste und verteilt die Briefe einzeln in die Boxen an der Wand. Die Zuordnung geschieht über die Gebäudekürzel. Alle laufen zielstrebig zwischen den Kisten und Fächern hin und her.

„Direkt aus der Kiste verteilen funktioniert nicht.“

Ich fühle mich ein wenig hilflos im Gewusel. Also schnappe ich mir auch einen Brief. Der braune Umschlag mit weißem Etikett ist für den Lehrstuhl für Verbrennungsmotoren. Aber ohne Gebäudekürzel. Und jetzt? Eine Frage in die Runde und die Postkollegen wissen sofort Bescheid: „IC!“ Die Postkarte aus Wien taucht auch wieder auf. Sie kommt in die Hauspost für die Universitätsverwaltung. „Herzliche Urlaubsgrüße“ schreibt die Absenderin an den Infopoint.

7 Uhr: Die Mitarbeiter bringen die grauen Kisten zu den jeweiligen Gebäuden auf dem Campus. Die gelbe Kiste im Fach „Hauspost“ schnappt sich Sigrid Glittenberg. Sie verteilt die Post im Verwaltungsgebäude. Seit 1996 ist das ihr Job. In ihrer Kiste stecken die Grüße aus Wien. Ich folge ihr. Schließlich möchte ich wissen, wie es mit der Postkarte weiter geht.

Glittenberg sortiert die Briefe in ihrem Büro in beschriftete Fächer: Junge Uni, Dezernat 3 und da: Infopoint. Hier kommt die Postkarte rein. „Direkt aus der Kiste verteilen funktioniert nicht“, sagt die Verwaltungsangestellte, die so etwas wie eine RUB-Postbotin ist.

Nebeneinander und übereinander

Zur externen Post kommt nun die interne Post, die sich die Mitarbeiter innerhalb der RUB zuschicken. Glittenberg legt dicke grüne Hauspostmappen und Sommerfest-Flyer in die Fächer. Ich helfe ihr beim Verteilen der Flyer. Immer zwei pro Fach.

Aus den Fächern heraus ordnet Glittenberg die Post auf ihrem Transportwagen nebeneinander und übereinander nach den vier Etagen des Verwaltungsgebäudes an. Ihr Verteilsystem habe sie sich selbst ausgedacht, sagt Glittenberg. Es sei erprobt und effektiv. Ich habe jetzt schon vergessen, in welchem Haufen die Postkarte liegt.

8.25 Uhr: Der Weg zum Aufzug ist nicht für die Wagenrollen gemacht. Es rappelt und wackelt. Die Papierhaufen drohen herunterzufallen. Ich halte einige davon fest, die RUB-Postbotin die anderen.

Erster Halt: Etage eins

Erster Halt: Etage eins. Hier verteilt Glittenberg einige Briefe und Flyer in Postfächer, die in den Ecken der Flure aufgestellt sind. Für jeden Mitarbeiter gibt es ein Fach. Routiniert schließt Glittenberg die Fächer auf. Jedes Fach hat einen eigenen Schlüssel, und obwohl die Schlüssel an ihrem Bund alle unbeschriftet sind, hat Glittenberg jedes Mal den richtigen zur Hand. In manchen Fächern liegt direkt wieder Post zum Mitnehmen.

Es geht in die dritte Etage. Hier gibt Glittenberg die Post direkt in den Büros ab. Sie klopft nie an. „Die wissen, wann ich komme. Das ist ein ganz vertrautes Verhältnis“, so die Postbotin. Nur ich, die Aushilfe neben ihr, sorge für fragende Blicke. Büro für Büro arbeiten wir uns den Flur entlang. Überall gibt es eine nette Begrüßung. „Das ist das Schöne an meinem Job – das Miteinander und Freundliche. Deshalb mache ich das gerne.“ Es lichtet sich auf dem Wagen. Einige Post aus den Büros ist noch dazugekommen. Aber die Postkarte aus Wien ist bestimmt gleich dran.

Glittenberg hat den Durchblick

8.50 Uhr: „In der zweiten Etage ist die Personalabteilung. Die haben sehr viele Personalakten, die ich zwischen den Büros verteilen muss. Deshalb fahre ich erst jetzt auf die Zwei“, erklärt die Postbotin. Wir schieben den schwerfälligen Wagen aus dem Aufzug. Aus jedem Büro, das Glittenberg verlässt, bringt sie mehr Post mit, als sie abgeliefert hat. Aus einem holt sie fünf Aktenstapel.

Der Wagen ist voll bis oben hin. Aber Sigrid Glittenberg hat den Durchblick. Sie organisiert die Stapel nach einem Prinzip, das sich mir einfach nicht erschließen will. Sie weiß sogar, welcher Mitarbeiter im Urlaub ist – und von wem vertreten wird. „Die Post bleibt ja sonst liegen“, sagt Glittenberg. Die meisten Akten von Etage zwei kann sie dort auch direkt wieder weiterverteilen. Nun ist der Wagen wieder fast leer. „Jetzt geht es zum Infopoint.“

Post für Malou

9.27 Uhr: Die Postkarte ist am Ziel angekommen. Malou Tschöke, Mitarbeiterin im Fundbüro, nimmt sonst Gegenstände entgegen, die jemand auf dem Campus verloren hat. Heute jedoch bekommt sie Urlaubspost über die Theke gereicht. Ihre Chefin schickt die Grüße aus Wien. „Die hänge ich in den Teamraum“, sagt sie.

Sigrid Glittenberg kontrolliert zum Schluss noch den Dienstpostkasten im Foyer der Universitätsverwaltung. „Nichts drin.“ Sie schließt ihn wieder und fährt mit der Ausgangspost wieder runter zur Poststelle. Um 11 Uhr beginnt die nächste Postrunde. Das wäre ja schon eher meine Zeit.

Rubens 214

Diesen Text finden Sie auch in Rubens 214, die am 7. Juni 2016 erschienen ist.

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