Zum Ursprung psychischer Störungen

Zum Ursprung psychischer Störungen

05.04.2016
© RUB, Marquard
Eigentlich wollte Martin Brüne Biologie studieren. Dann ist er doch Psychiater geworden. In der evolutionären Psychiatrie kann er aber beide Interessengebiete gut miteinander verknüpfen.

Beim Einkaufen, auf der Straße, in der Bahn – überall sind fremde Menschen. Von ihnen umgeben zu sein, kann sich auf die Psyche auswirken. Schuld ist die Evolution.

Psychische Grundausstattung

Prof. Dr. Martin Brüne von der LWL-Universitätsklinik in Bochum beschäftigt sich mit dem evolutionären Blick auf psychische Krankheiten. Sein Lehrbuch „Textbook of evolutionary psychiatry and psychosomatic medicine“ ist im Dezember 2015 in der zweiten Auflage erschienen. Der Professor zeigt darin auf, wie evolutionäre Aspekte bei der Diagnose und Therapie von psychischen Störungen helfen können.

„Jeder Mensch unterscheidet sich durch seine individuellen Erfahrungen von anderen Menschen. Was wir aber alle gemeinsam haben, ist eine psychische Grundausstattung“, erläutert Brüne. Diese Perspektive kann wichtig sein, um zum Beispiel zu verstehen, warum in einer Gesellschaft vermehrt Depressionen auftreten.

Auch wenn diese Erkrankung für viele einen individuellen Ursprung hat, kann sie ein Zeichen dafür sein, dass wir als Menschen in einer Umgebung leben, die eigentlich nicht für uns gemacht ist. „Die Anforderungen an den Menschen sind heute natürlich ganz andere als vor hunderttausend Jahren. Unsere Psyche hat sich aber nicht so schnell entwickelt wie unsere Umgebung“, sagt der Psychiater.

Dauerstress ausgesetzt

Von großen Gruppen unbekannter Personen umgeben zu sein, sei zum Beispiel nicht das, wofür Menschen gemacht sind. Denn der Mensch benötige nur eine kleine Gruppe um sich, in der er verlässliche Beziehungen habe. Es passiert im Alltag aber ständig, dass wir von fremden Menschen umgeben Bahn fahren, auf der Straße laufen und einkaufen. Das kann sich auf die Psyche auswirken und stressig sein. „Früher war Stress etwas, das punktuell aufgetreten ist, wie bei konkreten Konflikten mit anderen Personen. Heute sind wir eher einem Dauerstress ausgesetzt, für den wir nicht ideal ausgestattet sind“, so Brüne.

Auf grundlegende Bedürfnisse konzentrieren

Aus seiner Erfahrung als Psychiater heraus erkennt Martin Brüne, wenn seine Patienten überfordert sind. Er denkt bei der Diagnose und Therapie auch die evolutionäre Perspektive mit. Das kann bedeuten, sich bei der Behandlung von Erkrankungen auf grundlegende menschliche Bedürfnisse zu konzentrieren. Zum Beispiel indem man dem Patienten eine sichere und vertrauliche Umgebung schafft. „Die stammesgeschichtlich erworbenen Mechanismen kennen und mitdenken, kann in der Psychiatrie sehr nützlich sein“, erläutert Brüne.

Manche psychische Reaktionen wie Angst sind Schutzmechanismen, die es schon immer gab. Denn es macht Sinn, in bestimmten Gefahrenlagen den Rückzug anzutreten. Die Angst darf nur nicht eine bestimmte Intensität und Dauer übersteigen. Hilfe benötigen besonders Menschen, die von alleine aus diesem Zustand nicht mehr herauskommen.

Biologie und Psychiatrie verbinden

Seit 150 Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler damit, anhand evolutionärer Prozesse Erkrankungen besser zu verstehen. Im 20. Jahrhundert wurden viele Krankheitsursachen vorrangig in den Erbanlagen des Menschen vermutet. „Dass aber immer mehr Krankheiten aufgetaucht sind, weil sich die Arbeits- und Lebensbedingungen im Zuge der Industrialisierung gravierend geändert haben, hat man nicht in Betracht gezogen. Damals hatte man ein falsches Verständnis vom evolutionären Ansatz“, sagt Brüne, der seit über 20 Jahren an dem Thema arbeitet.

„Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Biologie studieren, weil mich vor allem Verhaltensforschung sehr interessiert hat. Dann hat es mich doch in die Psychiatrie gezogen. Aber in der evolutionären Psychiatrie kann ich die Biologie gut mit meinem Fach verknüpfen“, erklärt er.

„Laktoseintoleranz ist das evolutionär Alte.”

Als Nächstes möchte sich der Psychiater damit auseinandersetzen, wie sich die Medizin im Allgemeinen mit der Evolution verknüpfen lässt – mit einem neuen Buchprojekt. Ist unser Herz-Kreislauf-System für unseren Alltag gemacht? Wie reagiert unsere Verdauung auf die moderne Ernährung?

Ein bekanntes Phänomen ist die Laktoseintoleranz, unter der viele Menschen leiden. Die Beschwerden, die die Betroffenen bekommen, weil sie Milchzucker zu sich nehmen, sind ein Zeichen, dass der menschliche Verdauungsapparat nicht dafür ausgerichtet ist. „Diese Unverträglichkeit ist das evolutionär Alte. Denn erst mit der Domestizierung von Tieren hat sich der Mensch an die Verdauung von Milchzucker bis in das Erwachsenenalter angepasst“, sagt der Psychiater.

Evolution von Krankheitserregern ist schnell

Das Verständnis evolutionärer Prozesse sei für die Medizin wichtig und werde gerade am Beispiel von Krankheitserregern deutlich, sagt Brüne. Denn die Evolution von krankmachenden Keimen ist um ein Vielfaches schneller als die Evolution des Menschen.

„Gehen Sie auf eine beliebige Intensivstation und man wird Ihnen dort von multiresistenten Keimen erzählen“, erläutert der Professor. „Diese replizieren sich alle 20 Minuten. Sie mutieren schnell und haben einen Wahnsinnsvorteil im Hinblick auf Entwicklung von Virulenz, also der Fähigkeit schädlich zu sein. Unser Immunsystem ist immer einen Schritt hinterher.“ Vor allem um solche Zusammenhänge zwischen menschlichem Organismus und der Verbreitung von Krankheiten zu verstehen, hilft der evolutionäre Blick.

Redaktion: Katharina Gregor

Originalveröffentlichung

Martin Brüne: “Textbook of Evolutionary Psychiatry and Psychosomatic Medicine: The Origins of Psychopathology”, Oxford University Press, Oxford 2015, 490 Seiten, ISBN 978-0-198-71794-2.

Diesen Text finden Sie auch in gekürzter Fassung in RUBENS 210, die am 5. April 2016 erschienen ist.



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