Wahrnehmung: Gehirn vervollständigt Merkmale direkt zu Mustern

Wahrnehmung: Gehirn vervollständigt Merkmale direkt zu Mustern

22.02.2016
© Fotolia, ra2 studio
Unser Gehirn kann schon bei der Wahrnehmung komplexe Inhalte konstruieren.

Nimmt unser Gehirn Objekte zunächst als Ansammlung von Formen, Farben und Mustern wahr oder erkennt es auf Anhieb das gesamte Gebilde? Die Antwort liefert ein Artikel des RUB-Philosophen Prof. Dr. Albert Newen.

Wahrnehmung komplexer Muster ist evolutionär sinnvoll

Menschliche Wahrnehmungsprozesse sind so organisiert, dass wir Objekte nicht erst als Ansammlung von Formen und Farben wahrnehmen, sondern direkt als die Gebilde, die sie tatsächlich sind. Ein Laptop sehen wir als Laptop und nicht als Haufen dunkler viereckiger Flächen. Das beschreibt RUB-Philosoph Prof. Dr. Albert Newen in einem Artikel in der Zeitschrift „Synthese“.

Das Gehirn kann also komplexe Inhalte direkt beim Wahrnehmungsprozess konstruieren. Das Fehlen bestimmter Merkmale bei einer Zeichnung hindert uns beispielsweise nicht daran, den Gegenstand zu sehen. Unser Gehirn kann beim Wahrnehmen wenige typische Merkmale zu einem komplexen Muster ergänzen.

„Das findet sofort beim Erblicken eines Objektes statt“, sagt Newen. „Wahrnehmungen können daher umso reicher sein, je trainierter eine Person darin ist, Muster zu erkennen.“ Ein Schachexperte könne das Schachbrett anders als ein Anfänger sehen, weil er relevante strukturierte Muster als Hintergrundwissen automatisch aktiviere und dieses Wissen schon in den Wahrnehmungsprozess einfließe.

Doch was spricht dafür, dass wir komplexe Inhalte tatsächlich als solche sehen und sie nicht erst Teil unseres sprachlichen Urteils sind? Newen: „Dass wir bestimmte Inhalte wahrnehmen, ist evolutionär so zentral, dass es auch schon bei Kleinkindern ohne Begriffsbildung und Sprache entwickelt ist.“

Originalveröffentlichung

A. Newen (2016): Defending the liberal-content view of perceptual experience: direct social perception of emotions and person impressions, Synthese, DOI: 10.1007/s11229-016-1030-3

Text: Raffaela Römer

http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/pm2016/pm00022.html.de