Es muss nicht immer Efeu sein

Es muss nicht immer Efeu sein

© UA Ruhr
Ab diesem Wintersemester studiert Ashlee Anderson Computational Engineering an der RUB.

Ihren Bachelor hat sie an einer der berühmten acht Elite-Unis im Nordosten der USA gemacht (auch als „Ivy League“ bekannt). Doch vieles hat sich für Ashlee Anderson verändert, nachdem sie den Sommer 2014 als Ruhr Fellow in Deutschland verbracht hat. Nun studiert sie im Masterprogramm Computational Engineering an der RUB. Im Interview mit Stefan Dierkes (UA Ruhr Büro New York) erklärt sie, warum sie sich für Bochum entschieden hat.

Hallo Ashlee, kannst du dich bitte kurz vorstellen und uns etwas über deinen akademischen Hintergrund sagen?
Ich bin Ashlee Anderson aus Kingston, Jamaika. Ich habe vor kurzem meinen Bachelor in Maschinenbau und angewandter Mechanik an der University of Pennsylvania (UPenn) beendet. Jetzt mache ich meinen Master in Computational Engineering an der RUB, um später in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Automobilkonzernen zu arbeiten. Außerdem interessiere ich mich sehr für Sprachen und lerne gerne neue Kulturen kennen. Deshalb habe ich auch Französisch im Nebenfach studiert und fast den Bachelor-Grad erreicht. Aber nachdem ich den Sommer 2014 in Deutschland verbracht habe, begann ich mit Deutsch und gab dann irgendwann Französisch auf.

 

Warum hast du dich 2014 für ein Ruhr Fellowship beworben?
Seit Anfang meines Studiums wollte ich unbedingt für ein Semester ins Ausland gehen. Wegen des strikten Lehrplans in meinem Maschinenbau-Studium an der UPenn war es allerdings sehr schwierig, diesen Plan zu verwirklichen. Während meines Junior-Jahres (3. Jahr im College) merkte ich plötzlich, dass mir die Optionen ausgingen. Deshalb stand für mich entweder ein Sommerprogramm oder ein Master im Ausland zur Wahl. Letztere Option hat mich ein wenig eingeschüchtert und erschien mir eher unwahrscheinlich. Deshalb habe ich all meine Energie in die Suche nach einem internationalen Sommerprogramm gesteckt. Ich habe unzählige Internetseiten durchkämmt, aber es gab nur wenige Programme, die mein Interesse geweckt haben bzw. die ich mir leisten konnte. Ich hatte schon fast aufgegeben, als mir eine Freundin vom Ruhr Fellowship Programm erzählte, an dem sie im vorherigen Sommer teilgenommen hatte. Ich habe mir das Programm sofort angeschaut, und es war tatsächlich genau das, wonach ich gesucht hatte. Nachdem ich noch mehr über das Programm, Deutschland und das Ruhrgebiet gelesen habe, hatte ich einen dieser „Wieso-habe-ich-nicht-schon-längst-daran-gedacht-Momente“. Danach ging alles ganz schnell, und ich habe den Platz im Ruhr Fellowship Programm auch bekommen.


Was ist dir von deiner Zeit im Ruhrgebiet besonders in Erinnerung geblieben?
Zwei Momente stechen bei mir ganz besonders hervor. Der erste Moment ereignete sich schon wenige Tage nach meiner Ankunft. Deutschland wurde gerade von einer rekordverdächtigen Hitzewelle heimgesucht. Da ich in der Karibik aufgewachsen bin, habe ich eigentlich keine Probleme mit Hitze, aber eine solche Hitzewelle hatte selbst ich bislang noch nicht erlebt! Unmittelbar nach der Hitzewelle gab es ein gigantisches Unwetter – das schlimmste, das die Region seit zwanzig Jahren erlebt hat. Starke Regenfälle und Sturm sind mir zwar nicht unbekannt, aber als ich das Unwetter aus dem Fenster meines Studentenzimmers in Essen beobachtete, empfand ich den Blitz und Donner in Deutschland viel beeindruckender als bei mir zu Hause. Aber erst das Nachspiel nach dem Unwetter hat mich eigentlich am meisten beeindruckt – ich konnte mich nämlich mit eigenen Augen von der viel gepriesenen deutschen Effizienz überzeugen. Obwohl unzählige Bäume die Autobahnen, Landstraßen oder Zugstrecken versperrten, wurde alles innerhalb kürzester Zeit weggeräumt und ganz Essen war innerhalb von ein paar Tagen wieder voll funktionsfähig.
Die zweite Erfahrung war eigentlich mehr eine Serie von Ereignissen als ein bestimmter Moment. Durch einen glücklichen Zufall war ich während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Deutschland. Nach jedem Sieg der deutschen Mannschaft sangen und jubelten die Leute in den Straßen und in den Zügen. Nicht zu vergessen die Autofahrer, die zur Melodie ihrer Hupen sangen und jubelten. Die Atmosphäre war so fröhlich und feierlich. Das hat mir das schöne Gefühl gegeben, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.

 

Bei welchem Unternehmen hast du dein Praktikum während des Ruhr Fellowship Programms gemacht?
Mein Praktikum habe ich bei der TRIMET Aluminium AG in Essen gemacht, einem Aluminiumhersteller. Während des Praktikums habe ich mich vor allem um zwei Projekte gekümmert. Beim ersten Projekt habe ich unabhängig gearbeitet: eine Literaturrecherche über die Benutzung von Aluminiumlegierungen in einer Crashbox und in Crashmanagement-Systemen in der Autoindustrie. Obwohl ich anfangs die meisten Tage nur mit Lesen beschäftigt war, habe ich all das sehr genossen. Ich habe vor allem Veröffentlichtungen von TRIMET, anderen Aluminiumherstellern und Forschungsinstituten durchgearbeitet und mir dadurch ein breites Wissen angeeignet, das ich ansonsten nicht bekommen hätte. Dafür muss ich vor allem auch Google Translate danken – ohne dich wäre das alles nicht möglich gewesen!
Das zweite Projekt war eine Kollaboration zwischen einem weiteren Praktikanten und mir. Wir haben eine Machbarkeitsstudie durchgeführt zur Implementierung einer neuen Gießmethode auf der Produktionsfläche. Dieses Projekt war praxisbezogener und ich war von der Forschung bis zur Entwicklung an allen Schritten beteiligt. Faszinierend für mich war, dass sich Öfen und Gussgruben für Forschungszwecke dort direkt neben den Öfen und Gruben für die Produktion befanden. Dadurch hatte ich das Gefühl, dass meine Rolle als Praktikantin als ebenso wichtig wahrgenommen wurde wie die der Angestellten neben mir.


Auf welche Weise hat das Ruhr Fellowship Programm deine (akademische) Karriere gefördert?
Durch das Ruhr Fellowship Programm wurde Deutschland zu einer echten Karriereoption für mich. Ich dachte, ein Masterstudium im Ausland gehört zu diesen Dingen, die man eigentlich gerne möchte und auch versucht zu erreichen; wenn es dann aber doch nicht klappt, erscheint es nicht ganz so schlimm, weil man nicht wirklich an den eigenen Erfolg glaubte. All das änderte sich aber nach dem Ruhr Fellowship. Während des Programms habe ich zahlreiche Institute an den drei Ruhr-Universitäten kennengelernt und mich im Anschluss auch an zwei der Universitäten beworben. Die Koordinatoren des Programms und die deutschen Studenten waren ebenfalls sehr hilfreich, als ich mich für ein Studium in Deutschland zu interessieren begann. Sie haben schlichtweg alle meine Fragen beantwortet. Deutschland generell, und insbesondere das Ruhrgebiet, habe ich als sehr freundlich wahrgenommen. Deshalb wurde der Gedanke, in Deutschland zu studieren nicht nur aufregend, sondern plötzlich auch realisierbar.

 

Welchen Rat würdest du Studierenden geben, die auch überlegen, sich für das Ruhr Fellowship Programm anzumelden?
Macht es einfach! Wenn du Interesse an einer internationalen Erfahrung hast, mach es, denn du wirst nicht enttäuscht werden. In unserer Gruppe gab es 14 Studierende, die aus 14 verschiedenen Gründen nach Deutschland kommen wollten. Wir alle haben sehr verschiedene Erfahrungen in Deutschland gemacht. Eins haben wir aber doch gemeinsam: dass wir alle zwei unvergessliche Monate in Deutschland verbringen durften.

 

Was hat dich dazu gebracht, ins Ruhrgebiet zurückzukehren?
Ich glaube, die Leichtigkeit, mit der ich mich an die Kultur des Ruhrgebiets gewöhnt habe, war der ausschlaggebende Faktor. Obwohl ich meilenweit weg von meiner Heimat Jamaika war, hat mich etwas am Ruhrgebiet direkt heimisch fühlen lassen. Die Menschen sind sehr freundlich und die Landschaft ist absolut atemberaubend! Es gab während meines Aufenthalts im Ruhrgebiet keinen langweiligen Moment, und ich weiß, dass das Ruhrgebiet mich in den kommenden Jahren auch weiterhin faszinieren wird. Ich freue mich schon, das Ruhrgebiet mein nächstes Zuhause nennen zu können.
 

Ruhr Fellowship Programm

Seit 2012 kommen über das Stipendien-Programm „Ruhr Fellowship“ Studierende der Universitäten Harvard, Princeton, Pennsylvania und Massachusetts Institute of Technology sowie seit 2015 auch von der University of California, Berkeley, ins Ruhrgebiet, um die Region, die Hochschulen und die Wirtschaftsunternehmen kennenzulernen. Das zweimonatige Programm kombiniert Summer School, Kulturprogramm und Praktikum mit dem Ziel, das Image der Metropole Ruhr zu verbessern und Anreize zu schaffen, junge begabte Menschen von außerhalb an einem Leben und Wirken in der Region zu interessieren. Das Programm der Universitätsallianz Ruhr (UAR) wird gefördert vom Initiativkreis Ruhr, einem der deutschlandweit stärksten regionalen Wirtschaftsbündnisse.

Weitere Informationen
http://www.uamr.de/international.php


Rückblick: Die Gruppe der Ruhr Fellows von 2014, Ashlee Anderson ist die Zweite von links.