Lateinische Kürzel in mittelalterlichen Handschriften entschlüsseln

Lateinische Kürzel in mittelalterlichen Handschriften entschlüsseln

30.06.2015
© Berlin, Staatsbibliothek – Preußischer Kulturbesitz, Ms. Magdeb. 62, f.6ra
In diesem 1451 in Leipzig kopierten Kommentar zur Aristotelischen Physik des Nikolaus Theoderici von Amsterdam steht geschrieben: „Utrum res prius intelligatur universaliter quam singulariter vel e contra. Pro quaestionis intellectu est advertendum quod universale, prout in proposito capitur, dicitur aliquod abstractum per viam intellectus quod plura est repraesentans indifferenter. Ulterius est notandum quod multiplex est singulare: quoddam dicitur vagum et aliud determinatum.”

Wer mit mittelalterlichen Handschriften arbeitet, sieht sich mit vielen lateinischen Abkürzungen konfrontiert. RUB-Philosoph Dr. Olaf Pluta hat eine Software entwickelt, mit der Forscher die Kürzel mithilfe einer Datenbank schnell entschlüsseln können. Am 30. Juni, anlässlich des 50. Jubiläums der Eröffnung der RUB, kommt die neue Version „Abbreviationes Professional“ heraus.

„Abbreviationes“ ist weltweit im Einsatz

1992 als eigenständige Datenbankanwendung vorgestellt, wurde „Abbreviationes“ schon ein Jahr später mit dem Deutsch-Österreichischen Hochschul-Software-Preis ausgezeichnet. 1996 präsentierte die RUB die Software in Hannover auf der CeBIT. Seit 2002 ist „Abbreviationes“ als Web-Datenbank online verfügbar und mittlerweile weltweit in Forschung und Lehre im Einsatz.

Neue Version mit Unicode-Darstellung

Die neue 2015er-Version nutzt für die Darstellung der mittelalterlichen Abkürzungen erstmals einen Unicode-konformen Zeichensatz. Unicode ist ein internationaler Standard, in dem jedem Schriftzeichen oder Textelement ein digitaler Code zugeordnet ist. Langfristig sollen alle bekannten Schriftkulturen und Zeichensysteme in dem Standard repräsentiert sein.

Abkürzen, um Zeit und Material zu sparen

Im Mittelalter schrieben Mönche und andere Schriftkundige auf Pergament oder Papier. Dieses Material war teuer und der Herstellungsprozess für Bücher zeitaufwendig, daher nutzten die Schreiber viele Abkürzungen, um Zeit und Material zu sparen. Das macht das Entziffern mittelalterlicher Handschriften heute zu einer komplizierten Angelegenheit.

Text: jwe


Drei Beispiele für Einträge in der Datenbank „Abbreviationes“: links die mittelalterliche Abkürzung, in der Mitte das ausgeschriebene lateinische Wort, rechts Nachweise der Abkürzung in verschiedenen mittelalterlichen Handschriften