Stromausfall: Schaden für die Forschung noch nicht abzusehen

Stromausfall: Schaden für die Forschung noch nicht abzusehen

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Rund 20 Stunden Stromausfall haben am 15. und 16. April den Betrieb auf dem RUB-Campus nahezu komplett lahmgelegt. Welchen Schaden das in der Forschung ausgelöst hat, ist noch längst nicht abzusehen. Für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler war nicht „stromfrei“ angesagt, sondern eine Nachtschicht.

Blackout am 15. und 16. April

Als am Mittwoch um 14.20 Uhr so ziemlich alle technischen Geräte auf einmal den Dienst versagten, konnte niemand wissen, wie groß das Problem wirklich sein würde. In der gesamten Geschichte der Ruhr-Universität hatte es keinen vergleichbaren Blackout gegeben. Für manche war die Situation ein Ärgernis, weil das Internet und der Computer nicht mehr gingen, für manche war es ein freier Tag. Für die Forscherinnen und Forscher, die auf technische Geräte angewiesen sind, war es eine drohende Katastrophe.

Apparaturen können Schaden nehmen, wenn sie nicht kontrolliert heruntergefahren werden. Teure Antikörper, Enzyme und chemische Substanzen müssen kühl gelagert werden, für einige Materialien sind extreme Minustemperaturen vonnöten, zum Beispiel wenn es sich um sensible Gewebeproben handelt. An der RUB lagern Sachwerte, die kaum zu beziffern sind. Und von diesen Materialien hängt viel ab: das Gelingen von Abschlussarbeiten und Forschungsprojekten, die Bewilligung von Fördermitteln und im schlimmsten Fall Verträge und Karrieren. Für viele Wissenschaftler war es daher keine Option, ihr Forschungswerk dem Schicksal zu überlassen.

Seltene Gewebeproben in Gefahr

Am Lehrstuhl von Prof. Wolfgang Linke in der Medizinischen Fakultät gibt es zum Beispiel solch sensibles Material, das in Kühlschränken und Tiefkühltruhen aufbewahrt werden muss. Linkes Team arbeitet unter anderem mit menschlichen Gewebeproben von Patienten mit seltenen Krankheiten, die –80°C für eine stabile Lagerung erfordern. Für die Medizinerinnen und Mediziner waren also nicht nur Sachwerte in Gefahr, sondern auch Proben, die kaum wiederzubeschaffen wären. Als klar war, dass der Strom nicht schnell zurückkommen würde, beschloss das Team, auf eigene Faust zu handeln. Sechs Generatoren von Bekannten, Firmen, den Stadtwerken und aus dem Baumarkt schafften die Mitarbeiter heran und schleppten sie die zahlreichen Stufen hinauf in die Labore. Doch auch deren gebündelte Leistung reichte nicht aus, um alle Geräte ausreichend zu versorgen.

„Wir haben besonders sensible und wertvolle Proben in die Kühltruhen geräumt, in denen wir die Temperatur am niedrigsten halten konnten“, berichtet Claudia Groll, technische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kardiovaskuläre Physiologie. Ein Großteil des Materials erwärmte sich aber so stark, dass nicht klar ist, ob es Schäden davongetragen hat oder nicht. „Wenn wir jetzt ein Experiment mit aufgetautem Material, zum Beispiel Patientengewebe, durchführen, müssen wir mit unseren Ergebnissen sehr kritisch umgehen und sie gründlichst überprüfen“, sagt Dr. Andreas Unger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am selben Lehrstuhl. Herauszufinden, welche Proben betroffen sind und welche nicht, wird nicht nur viel Arbeitszeit verschlingen. Die Antworten werden sich auch erst im Lauf der nächsten Monate und Jahre offenbaren. Klar ist jetzt schon, dass der Inhalt eines –20°C-Kühlschranks komplett verloren ist. „Da passt potenziell das Material von Jahrzehnten an Forschungsarbeit hinein“, veranschaulicht Unger.

Student mit rettender Telefonnummer

Ähnliche Szenen wie in der Kardiovaskulären Physiologie haben sich auch an anderen Lehrstühlen abgespielt, zum Beispiel in der Fakultät für Biologie und Biotechnologie. Auch hier engagierten sich zahlreiche Helfer, um Schäden an Geräten und Materialien zu verhindern, das Überleben der Tiere in den normalerweise technisch belüfteten Ställen und Aquarien zu sichern sowie die Sicherheit der Gentechniklabore zu gewährleisten. Dass große Schäden verhindert werden konnten, verdanken viele Biologen dem Studenten Jan-Philip Meyer, der zum Zeitpunkt des Stromausfalls in den Tierphysiologischen Übungen saß. Er kannte eine Firma, die Technik für Großveranstaltungen bereitstellt, hatte die Nummer im Handy gespeichert und reichte sie an seine Tischbetreuerin weiter. Auf diesem Weg orderten die Biologen zwei Hochleistungsgeneratoren, die mithilfe der Firmentechniker in Betrieb genommen wurden. Dazu mussten zunächst daumendicke, 60 Meter lange Kabel in die verschiedenen Etagen verlegt werden. Ein Kraftakt, an dem sich alle von den Studierenden bis zu den Professoren beteiligten.

„Wir durften die Kabel aus Sicherheitsgründen nicht durch den Hausflur verlegen“, erzählt Prof. Petra Wahle, Leiterin der AG Entwicklungsneurobiologie. „Also mussten wir sie an der Fassade entlang führen und durch die Fenster in die Labore bringen.“ Um 21 Uhr war der Notstrom in der obersten Etage des ND-Gebäudes angekommen. „Mitarbeiter sind durchs Haus gegangen und haben geschaut, in welchen Abteilungen noch Hilfe benötigt wird und Geräte an den Notstrom angedockt werden müssen“, sagt die Wissenschaftlerin. „Es war beeindruckend, wie gut die Abstimmung über verschiedene Abteilungen der Fakultät hinweg funktioniert hat. Jeder hat angepackt und mitgedacht.“ Doch reibungslos lief deswegen noch lange nicht alles. „Wir mussten einiges an Überzeugungsarbeit leisten, bis das Dezernat 5 uns erlaubt hat, die Notstromaggregate anzuschließen“, so Wahle. Mehr Verständnis für die Situation der Forscher, mehr Unterstützung von der zentralen Ebene der Uni habe sie sich gewünscht.

Die andere Seite: Leib und Leben schützen

„Unser erstes Ziel beim Stromausfall war es, die Sicherheit auf dem Campus zu gewährleisten, Gefahr für Leib und Leben zu verhindern“, sagt Mihran Müller-Bickert, Leiter der Abteilung Infrastrukturelles Gebäudemanagement im Dezernat 5.I. Die Hausmeister und Mitarbeiter des Dezernats 5 kontrollierten alle Gebäude inklusive der Aufzüge, halfen Menschen mit Behinderungen, vom Campus zu kommen, öffneten die Parkschranken, damit die Autos wegfahren konnten – und hielten die Notstromaggregate am Laufen. „Wenn die Campustechnik auf Notstrom läuft, können wir nicht einfach mit reduziertem Betrieb weitermachen“, erklärt der Dezernat 5-Mitarbeiter. „Wir müssen damit rechnen, dass auch der Notstrom ausfallen kann.“ Dann gäbe es noch nicht mal mehr eine Notbeleuchtung, und auch die Brandmeldeanlage wäre außer Betrieb. Der Krisenstab hatte daher angeordnet, alle Gebäude zu räumen. So wurden auch Forscher, die in den Laboren versuchten, ihr Material zu retten, aufgefordert zu gehen.

„Unser Fokus liegt auf der Sicherung von Menschenleben“, sagt Müller-Bickert. „Die Perspektive der Forscher in so einer Situation ist natürlich eine andere.“ Norbert Schwarz, Leiter des Dezernats 5.I ergänzt: „Unsere Aufgabe ist es aber auch, die Forscher zu schützen. Wir haben daher gesagt, dass selbstbesorgte Stromaggregate nur in Absprache mit uns angeschlossen werden dürfen. Denn wenn man dabei etwas falsch macht, kann das gefährlich sein.“

Biologin Petra Wahle hat dafür durchaus Verständnis: „Natürlich haben wir das Problem gesehen, dass Brandschutz und Personenschutz gewährleistet sein müssen. Wir haben uns trotzdem im Stich gelassen gefühlt.“ Es ging nicht nur darum, das Forschungsmaterial zu bewahren. Die RUB betreibt auch mehrere Gentechniklabore, die strengen Sicherheitsvorschriften unterliegen – ohne den selbst herangeschafften Strom wären diese Auflagen nicht einzuhalten gewesen. Das kann auch rechtliche Konsequenzen haben.

Lehren für die Zukunft ziehen

Dr. Ursula Fornefeld-Schwarz, Leiterin der Stabsstelle Arbeitssicherheit und Umweltschutz, hat daraus bereits ihre Lehren gezogen. Den E-Mail-Verteiler, den sie auf ihrem Rechner gespeichert hat, hat sie ausgedruckt, und ergänzt ihn derzeit mit Notfallnummern aus besonders sensiblen Arbeitsbereichen, die zum Beispiel mit Gentechnik zu tun haben. „Frau Fornefeld-Schwarz hat uns tatkräftig unterstützt und beraten“, sagt Prof. Wolfgang Linke, Leiter des Lehrstuhls Kardiovaskuläre Physiologie. Ansonsten habe er sich aber allein gelassen gefühlt mit den Problemen.

Mehr Informationen wären für die betroffenen Forscher eine große Hilfe gewesen. Ist es absehbar, wie lange der Stromausfall dauern würde? Wie sollen sich die Beschäftigten in so einer Situation verhalten? Wie kann man einen Kompromiss zwischen Sicherung des Personenschutzes und Sicherung der Forschung finden? Welche verbindlichen Aussagen gibt es von der Hochschulleitung dazu? An wen können sich Betroffene wenden, um Unterstützung zu bekommen? Fragen, auf die Antworten für die Forscher wegen der versiegten Kommunikationskanäle ausblieben.

„Vielen war nicht klar, dass sie uns über den zentralen Infopunkt ‚Uni-Mitte‘ hätten erreichen können“, weiß Norbert Schwarz. „Alle gängigen Kommunikationskanäle funktionierten nicht. Wir konnten noch nicht einmal schnell Aushänge für die Gebäude machen, weil ja auch Drucker und Kopierer vom Strom abhängig sind.“ Klar ist ihm aber auch, dass nicht alle Forscher hätten Hilfe bekommen können, selbst wenn sie sich an „Uni-Mitte“ gewandt hätten. Schwarz: „Wir haben eine Personalausstattung, mit der wir den Normalbetrieb stemmen und die üblichen technischen Probleme beheben können, die hier und da auftreten.“ Wenn es überall auf einmal Schwierigkeiten gibt, reicht das nicht aus.

Bleibt die Frage, was zu tun ist, um ähnliche Situationen in Zukunft zu vermeiden. „Uns ist es wichtig, dass es bei den Beteiligten ein Bewusstsein dafür gibt, dass nicht alle Fakultäten gleich sind“, sagt Biologin Petra Wahle. „Manche Einrichtungen sind auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen. Wenn es nicht möglich ist, Notstromaggregate auf dem Campus für diese Fakultäten vorzuhalten, reicht es auch, wenn man die Stromzufuhr in Notfällen über externe Firmen sicherstellt.“ Andreas Unger schlägt vor, dass auch Schulungen für die Laborbetreiber helfen könnten, die sie in bestimmten Situationen autorisieren, trotz gesperrter Gebäude in die Labore zu kommen. Auch einen Notfallplan, wie man die Betroffenen rechtzeitig informiert, wenn die übliche Technik streikt, fordern einige Wissenschaftler.

In der Verwaltung wollen die Beteiligten die Ereignisse nun aufbereiten und Schlüsse für die Zukunft ziehen. Über die Ergebnisse wird informiert werden.

Obwohl der Stromausfall für viele Forscherinnen und Forscher ein unerfreulicher bis dramatischer Tag war, geben sie sich Mühe, auch das Gute an der Sache zu sehen. Viele blicken auf ein gelungenes Teamwork zurück.

Redaktion: Julia Weiler

Hintergrundinformationen zum Stromausfall

Am Mittwoch, 15. April fiel gegen 14.20 Uhr der Strom auf dem gesamten Campus der RUB aus. Nachdem die Stadtwerke Bochum zunächst geschätzt hatten, dass der Fehler innerhalb von fünf Stunden behoben sein würde, dauerte es genau diese Zeit, überhaupt die Problemstelle zu lokalisieren. Schuld waren zwei defekte Leitungen, die vom Umspannwerk Laer auf den Campus führen. Nicht nur die Hauptversorgung war betroffenen, sondern auch die Backup-Leitung. Die Reparatur verzögerte sich mehrere Male länger als angekündigt. Der erste Versuch, den Strom bis Donnerstag, 7 Uhr morgens wiederherzustellen, scheiterte. Nach rund 20 Stunden Blackout gingen dann die Lichter in einigen Büros an.

Schritt für Schritt mussten die Anlagen auf dem Campus vorsichtig hochgefahren werden. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten Geräte ausgestöpselt, um eine Überlast des Netzes beim Einschalten zu verhindern und auch um sensible Technik vor Spannungsspitzen bei der Inbetriebnahme zu schützen. Fünf bis sechs Stunden dauerte es, bis die Betriebstechnik wieder auf 90 bis 95 % Prozent lief. „Unser Team hat mit hohem Engagement gearbeitet, um den Notstrom am Laufen zu halten“, sagt Norbert Schwarz, Leiter des Dezernats 5.I. „Damit das funktioniert, müssen die alten Dieselgeneratoren permanent ‚gestreichelt‘ werden.“


Dezernat 5 sammelt Schadensmeldungen

Das Dezernat 5.I sammelt Schadensmeldungen, die mit dem Stromausfall zusammenhängen unter folgender Adresse: IGM@uv.rub.de



Nicht nur wegen der Geräte, auch wegen Enzymen, Antikörpern etc. sammeln sich in Laboren große Sachwerte an. Manche Dinge sind aber auch mit Geld nicht zu ersetzen, z. B. besonders seltene Gewebeproben.
© RUB, Foto: Marquard



Viele Forschungsmaterialien erfordern eine kühle Lagerung. Für Gewebeproben muss die Temperatur –80°C betragen.
© RUB, Foto: Marquard



Holger Alheite, technischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kardiovaskuläre Physiologie, war nicht nur tagsüber während des Stromausfalls im Einsatz, sondern auch in der Nacht.
© RUB, Foto: Marquard



Um besonders wertvolle Proben zu retten, sortierte das Medizinerteam die Kühltruhen neu.
© RUB, Foto: Marquard



Minela Hadzic und Laura Ernst führen trotz Stromausfalls ihre Experimente in der Bio-Fakultät fort.
© RUB, Foto: Wahle



„Schüttelinkubation“: Diese Proben müssen in Bewegung bleiben. Was sonst eine Maschine gewährleistet, übernimmt beim Stromausfall Jennifer König.
© RUB, Foto: Wahle



Rollkulturen: Über sechs Stunden lang dreht das Team der AG Entwicklungsneurobiologie – hier Doktorand Alexander Jack – die Proben alle fünf Minuten von Hand weiter.
© RUB, Foto: Wahle



Um den Notstrom auch in die höchsten Etagen des ND-Gebäudes zu befördern, führen die Biologen die Kabel an der Fassade nach oben.
© RUB, Foto: Wahle