Politik – ja, bitte!

Politik – ja, bitte!

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Die Schüler präsentieren ihre Ergebnisse, die Politiker hören aufmerksam zu

Jugendliche sind grundsätzlich politisch interessiert – aber sie fühlen sich schlecht informiert über Möglichkeiten, mitzumachen und teilzuhaben. Und: Sie verstehen die Sprache der Politiker häufig nicht. Das sind die zentralen Ergebnisse einer Befragung Jugendlicher, die Schüler aus Hattingen in einem Projekt des Schülerlabors an der Ruhr-Universität umgesetzt und ausgewertet haben.

Jugendliche und Politiker befragt

Dass Jugendliche heutzutage alles andere als „politikverdrossen“ sind, zeigte die lebhafte und von den Schülern selbst geleitete Podiumsdiskussion mit Politikern, mit der das Projekt am 14. Juli 2011 endete. 55 Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 und 11 des Hattinger Gymnasiums Waldstraße stellten ihre Ergebnisse Politikern aller Parteien vor, darunter Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Von Februar bis Juli nahmen die Schüler am Projekt „Politik – nein, danke?“ des Alfried Krupp-Schülerlabors – Bereich Geisteswissenschaften – teil. Sie entwickelten einen Online-Fragebogen zur politischen Partizipation Jugendlicher, zudem befragten sie Politiker der Kommunen, des Landes und des Bundes – darunter NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen.

"Typische" Ergebnisse

Die Ergebnisse der Online-Befragung seien zwar nicht repräsentativ, aber „typisch“ für die befragte Altersgruppe, fasste Projektleiterin Kathrin Schröter das Projekt zusammen. Als Promotionsstipendiatin des Schülerlabors hat sie das Projekt am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte konzipiert und mit den Schülerinnen und Schülern umgesetzt.

Neue Medien, Jugendminister und Politik in der Schule

Diskutiert wurden vor allem die „Lösungsvorschläge“ der Schüler, die sie aus der Befragung abgeleitet haben: Sie wünschen sich z.B. mehr aktuelle Tagespolitik als Thema in der Schule, einen für Jugendliche aufbereiteten Newsletter, womöglich gar einen „Jugendminister“, der jeder Ministerin und jedem Minister zur Seite gestellt wird. „Das wäre bloß eine Übersetzung von Politik in die Jugendsprache, aber keine Partizipation“, sagte Sven Lehmann von Bündnis 90/Die Grünen kritisch. Auch Norbert Lammert hält davon nichts: „Das ist gut gemeint, aber nicht erfolgversprechend“. Einig waren sich die Politiker, dass man die sog. Neuen Medien – Facebook, Twitter & Co. – stärker nutzen müsse, um Jugendliche heute zu erreichen („aber ohne sich bei der Sprache anzubiedern“, so Lehmann). Mit einigem Bedauern wies Lammert, der zweite Mann im Staat, zudem darauf hin, dass Politik in der Schule leider nicht so selbstverständlich sei wie Deutsch, Mathe, Fremdsprachen. Mit Blick auf straffe Lehrpläne und G8 sei es kaum vorstellbar, „Tagespolitik“ thematisch in der Schule zu verankern.

Partizipation ist mehr als Parteiarbeit

Katharina Schwabedissen, Landessprecherin der Linken, erweiterte die Diskussion um einen entscheidenden Aspekt: Es gebe nicht nur Parteien und die parlamentarische Politik, sondern deutlich mehr Möglichkeiten, sich zu engagieren. Die Schülervertretung, Amnesty International, Greenpeace und Anti-Atom-Bewegung – auch das sind Formen der Mitgestaltung. „Die Jugendlichen von heute sind nicht weniger politisch als früher“, so Lammerts Fazit, „aber die Politik ist heutzutage themenbezogen. Den allgemein politisch Interessierten gibt es nicht mehr.“

Das große Engagement der Schülerinnen und Schüler in diesem Schülerlabor-Projekt verdeutlicht eins ganz besonders, und das brachte die Prorektorin für Lehre der RUB, Uta Wilkens auf den Punkt: Der Projettitel „Politik – nein, danke?“ lasse sich zweifellos umkehren in „Politik – ja, bitte!“

Jens Wylkop
Fotos: Marion Nelle

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Podiumsdiskussion



Diskussionsveranstaltung mit vielen Schülern und Interessierten