Wer nicht reinkommt, kommt runter

Wer nicht reinkommt, kommt runter

© RUB-Pressestelle

Draußen ist es schon dunkel, als die ersten Studierenden am Euro-Eck eintrudeln. Schwer bepackt mit Laptop, Schlafsäcken und vor allem Büchern, teils ganzen Rollkoffern voll. Sie haben sich für heute Nacht viel vorgenommen: Endlich einen Anfang finden für die lange aufgeschobene Hausarbeit, ein Konzept entwickeln, etwas zu Ende bringen. Genau dazu ist sie da, die erste „Lange Nacht gegen aufgeschobene Hausarbeiten“, zu der das Schreibzentrum der RUB am 10. März eingeladen hat.

Nerven-Nahrung und Massagen

Um acht soll es losgehen, aber es dauert eine Weile, bis die Schreibwilligen sich eingefunden haben. Dr. Katinka Netzer vom Schreibzentrum verteilt an jeden ein Namensschild und einen optimistisch-orangen Button mit der Aufschrift „Ich schreibe“. Sie erläutert auch kurz die Regeln für die kommende Nacht: Im Erdgeschoss des Euro-Eck ist und bleibt es gesellig. Hier gibt es selbstgekochte Suppen, Obst, Nüsse, Kekse und jede Menge Schokolade, Kaffee, Wasser, Tee. Hier kann man sich austauschen und Tipps geben. Hier bietet Masseurin Birte bis ungefähr um Mitternacht zehnminütige Nacken-Schulter-Massagen an. Drei Tutoren des Schreibzentrums helfen bei Schwierigkeiten. Im Foyer stehen Hand-Outs mit Tipps bereit. Ein kleines Hinterzimmer ist kuschelig mit Decken und Kissen eingerichtet. Dorthin kann man sich zum Powernapping zurückziehen.

Pssst – hier wird geschrieben

Im Obergeschoss herrscht dagegen strikte Ruhe. Hier wird geschrieben und nur geschrieben. Für Strom- und Internetanschluss ist gesorgt.

Wer nicht so recht reinkommt, kommt runter: Hier bietet Katinka Netzer eine Start-Übung an, das Freewriting. Dabei wird fünf Minuten lang alles aufgeschrieben, was einem zum geplanten Projekt in den Sinn kommt, ohne den Stift abzusetzen. Was dabei herauskommt, geht keinen was an. „Das löst Blockaden“, erklärt Katinka Netzer. Im Anschluss an die Übung kann jeder eine Zielvereinbarung mit sich selbst abschließen. Dann geht es los.

Schreibtisch-Yoga und Nachtspaziergang

Damit keiner vereinsamt oder allzu sehr verkrampft, hat sich das Team vom Schreibzentrum noch einige Aktionen überlegt, die im Lauf der Nacht stattfinden. Gegen halb zwölf sind Interessierte im Gesellschaftsraum zum Schreibtisch-Yoga eingeladen. „Das heißt nicht, dass wir Yoga auf dem Schreibtisch machen, sondern mit einem Schreibtischstuhl“, sagt Maike Wiethoff. Später plant sie noch einen Nachtspaziergang einmal um den Block – frische Luft für die rauchenden Köpfe. Gegen fünf gibt es Frühstück zum Ausklang der Nacht. Bis dahin werden hoffentlich einige auch ihre Projekte auf der Zielscheibe weiter Richtung Zentrum geschoben haben.

Nicht in die Wiege gelegt

40 Studierende haben sich angemeldet. „Ich schreibe für meinen Hiwi-Job eine Arbeit über Apartheid in Südafrika“, sagt Juliane. Ihre Freundin Steffi will endlich eine Hausarbeit über die Amerikanische Studentenbewegung anfangen. „Die schiebe ich seit drei Semestern vor mir her“, sagt sie. Die Masse an Dingen, die zu erledigen sind, hat sie bisher vom Schreiben abgehalten. Andere haben eher Schwierigkeiten mit dem Schreibprozess an sich. „Manche verrennen sich in der Literatur, wollen alles gelesen haben und verlieren dabei ihre eigenen Ideen aus dem Blick“, sagt ein Tutor. Das Schreibzentrum hilft dann, sich abzugrenzen und den roten Faden zu finden. Hilfe beim Schreiben in Anspruch zu nehmen, ist keine Schande. „Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass man Schreiben einfach können muss“, predigt Gabriela Ruhmann, Leiterin des Schreibzentrums der RUB, seit Jahren. Wissenschaftlich schreiben wird keinem in die Wiege gelegt, und in so manchem Studiengang lernt man es auch nicht. Das Schreibzentrum ist daher Anlaufpunkt für alle, vom Anfänger bis hin zum Wissenschaftler, der publizieren will. Nach angelsächsischem Vorbild bietet das Schreibzentrum an der RUB Einzelberatung, Workshops und Gruppen an.

Schreibwoche Ende März

Die Schreibnacht findet als bundesweite Aktion zum ersten Mal statt. Neben Bochum beteiligen sich auch Göttingen, Darmstadt, Hildesheim und Frankfurt/Oder. Per Konferenzschaltung können sich alle gegenseitig sehen. „Wir werden gerade überrannt“, kann man im Gesellschaftsraum des Euro-Eck zwischenzeitlich aus Darmstadt auf der Leinwand lesen. „Das ist nur gut, dass viele auf diese Aktion aufmerksam werden“, meint Dr. Ulrike Lange vom RUB-Schreibzentrum. „Wer das Angebot mal kennen gelernt hat, kommt später vielleicht nochmal wieder.“ Die Gelegenheit, „außer der Reihe“ noch einmal konzentriert gemeinsam zu schreiben, lässt übrigens nicht lange auf sich warten: Schon Ende März startet die zweite Schreibwoche an der RUB.

Fotos: Marion Nelle/Text: md

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